Mantikerin

Orakel, Astrologie, Symbole

Tarothofgesellschaft — Der heißblütige Herrscher der Stäbe

Aaha, Aaha, Du bist so heiß wie ein Vulkan. Aaha, Aaha, Und heut ver­brenn ich mich daran.“

Rex Gildo hatte sicher eher eine Königin im Sinn, doch für mich passen diese Song-Zeilen her­vor­ra­gend auf den Ritter der Stäbe. Ob näm­lich als heiß­blü­tiger Latin Lover (das Gegen­stück zum roman­ti­schen Frau­en­flü­sterer) oder cha­ris­ma­ti­scher Anführer – dieser coole Typ kann dich ganz schön ins Schwitzen bringen. Und mehr noch: die Begeg­nung mit ihm wird schnell ein ris­kantes Spiel mit dem Feuer. Eigent­lich nicht wirk­lich ver­wun­der­lich, bedenken wir, dass diese Hof­karte von den Mit­glie­dern des Golden Dawn als „Feuer des Feuers“ bezeichnet wurde – also als das cho­le­ri­sche Ele­ment in seiner rein­sten Form: hoch explosiv! Astro­lo­gisch wird dieser auch als „Herr des Blitzes und des Feuers“ oder „Vater der Vor­stel­lungs­kraft“ bezeich­nete Cha­rakter mit dem zielst­stre­bigen Schützen und dem bro­delnden Skor­pion in Ver­bin­dung gebracht. Was wir uns unter dieser Kom­bi­na­tion genau vor­zu­stellen haben, lässt sich sehr schön am Carl Röh­rigs Inter­pre­ta­tion der Karte ablesen.

Der lei­den­schaft­liche Ritter der Stäbe © Aqua­marin und Königs­furt-Urania

Der Ritter der Stäbe im Röhrig Tarot

Sein leicht über­heb­lich wir­kender, aber durchaus sehr anzie­hender Ritter der Stäbe ver­kör­pert schüt­zige Ent­schlos­sen­heit und Visi­ons­kraft ebenso wie skor­pio­ni­sche Prä­zi­sion und Kon­troll­ver­langen. Die Lei­den­schaft und scharfe Intui­tion, die beiden Tier­kreis­zei­chen zu Eigen sind, „feuern“ den hier dar­ge­stellten Kämpfer im wahr­sten Sinne des Wortes an und machen ihn zu einem attrak­tiven Partner-Such­bild. Schließ­lich wollen wir nicht alle einen sta­bilen Münz-König, roman­ti­schen Kelch-Ritter oder ver­stan­des­be­tonten Schwert-Prinzen. Manche sehnen sich eher nach wild-ero­ti­schen Aben­teuern und unwi­der­steh­liche Ver­füh­rung. Die kann uns dieser tem­pe­ra­ment­volle Ritter einen Tanz lang sicher bieten, doch ob wir noch ein zweites Mal auf­ge­for­dert werden – das ist aller­dings nie gewiss.

Unbe­stän­dig­keit ist jedoch nicht seine größte Schwäche: Ein wirk­lich unge­bän­digtes Exem­plar kann er uns und sich selbst sogar wie ein plötz­lich aus­bre­chender Wald­brand gefähr­lich werden. Will sagen, er kann hef­tigen Jäh­zorn, bei­ßenden Zynismus oder sogar fana­ti­sche Ver­bohrt­heit ent­wickeln. Röhrig zeigt ihn aller­dings in seiner gereiften Form: all­zeit start­be­reit, das gezü­gelte Feuer im Hin­ter­grund für eine loh­nende Sache ein­zu­setzen und durch dyna­mi­sches, oft uner­war­tetes Han­deln im rich­tigen Moment Bewe­gung oder sogar radi­kale Kehrt­wen­dungen in eine Ange­le­gen­heit zu bringen. Ob in der Liebe oder in der Arbeits­welt – dieses Poker­face lässt sich so leicht nicht in die Karten schauen und gewinnt eine Zock­partie stets.

Der Ritter der Stäbe im Thoth Tarot von Aleister Crowley

Alei­ster Crow­leys Ritter der Stäbe, an dem sich Röhrig ori­en­tiert, scheint diese Gelas­sen­heit eher nicht gegeben zu sein. Frieda Harris’ pracht­volle Karte betont näm­lich ein der Gestalt inne­woh­nendes Paradox, das die Tarot-Expertin Rachel Pol­lack in ihren Tarot-Weis­heiten (hier etwas mehr dazu) wie folgt beschreibt: „Es ist die Natur der Herr­scher, auf ihren Thronen zu sitzen, um zu regieren, Gesetze zu ver­ab­schieden und Hilfe suchenden Bitt­steller zur Ver­fü­gung zu stehen. Es ist die Natur des Feuers, sich zu bewegen, nach Frei­heit zu streben und abzu­lehnen, was es klein halten will.“

Tat­säch­lich müssen wir uns beim Anblick der Thoth-Karte fragen, wer hier eigent­lich wen regiert. Schließ­lich umhüllt das hell lodernde Feuer den Reiter wie ein Flam­men­meer. Und hat der schwer gerü­stete Mann sein sich wild auf­bäu­mendes Pferd auch tat­säch­lich unter Kon­trolle? Oder was machen wir mit dem Wind, der aus allen mög­li­chen Rich­tungen bläst und unseren Helden leicht aus dem Sattel heben könnte?

Crowley ist sich durchaus bewusst, dass er hier eine schwan­kenden Per­sön­lich­keit doku­men­tiert. In seinen Stich­worten bezeichnet er diese Figur denn auch als groß­mütig, stolz, impulsiv und schnell han­delnd, weist aber gleich­zeitig darauf hin, dass er durchaus übel­ge­sinnt, grausam, bigott und gewalt­tätig werden kann. Es ist  jedoch genau diese feine Grad­wan­de­rung zwi­schen lei­den­schaft­li­cher Glut, gerü­stetem Ver­stand und tie­ri­schem Trieb, die diesem Ritter seine Kraft und Selbst­si­cher­heit ver­leiht. Die es ihm ermög­licht, sich gegen alle äußeren Wider­stände durch­zu­setzen. Ob positiv oder negativ aus­ge­prägt: der Ritter der Stäbe ist in jedem Fall ein höchst mäch­tiger Mann.

Tarot-Autor Armin Denner ver­deut­licht dies, wenn er ihn wegen seiner Dar­stel­lung im Profil und seinem nach links gerich­teten Blick als eng ver­bunden mit dem eben­falls in Flammen ste­henden Crowley-Harris Trumpf IVDer Kaiser – beschreibt. Und auch der Crowley-Experte AKRON sieht den Streiter als wahren Her-Zog, als jenen Heer­führer also, der wie ein junger König Artus vor seinen Mannen in die Schlacht zieht und sie durch seinen eigenen Ein­satz und Mut zum Sieg führt. Oder aber gemeinsam mit ihnen wie ein Leo­nidas unter­geht.

Diese sehr tref­fende Cha­rak­te­ri­sie­rung wird dadurch unter­mauert, dass der Reiter eine rie­sige Fackel schwingt, die stark an das Ass der Stäbe erin­nert: Zei­chen ener­gi­schen Wil­lens, der sich enthu­si­astisch neuen Pro­jekten zuwendet. Die Fackel macht den Ritter der Stäbe auch zu einem Licht­bringer und Visi­ons­geber, der allen, die ihm folgen, erleuch­tende Impulse in viel­leicht dunklen Momenten ver­leihen kann. Doch wie es mit den kurz­le­bigen Fackeln so ist – klappt die Umset­zung dieser Inspi­ra­tion beim ersten Anlauf nicht sofort, sind oft die Res­sourcen ver­braucht und ver­ei­teln – neben feu­riger Unge­duld – einen neuen Ver­such. Somit warnt dieser Ritter auch davor, nicht kopflos, nur aus einer plötz­li­chen Ein­ge­bung heraus, zu agieren, son­dern sich in Selbst­be­herr­schung zu üben, bis der rich­tige Moment gekommen ist.

Diese Ver­sion des Königs der Stäbe stammt aus dem RWS-Bor­der­les­starot, das Teil der Public Domain ist

Der Herrscher der Stäbe im Waite-Smith-Tarot

Dies scheint der Feuer-König von Arthur E. Waite und Pamela Colman Smith (inzwi­schen ist es gesetzt, dass der König im WS-Tarot gleich dem Ritter im Thoth ist, obwohl ich mir inzwi­schen dar­über unsi­cher bin und dazu unbe­dingt einen Blog-Ein­trag ver­fassen muss) bereits gelernt zu haben. Die vielen Löwen auf der Karte ver­binden ihn mit dem gleich­nah­migen, erfolgs­ge­wohnten Tier­krei­zei­chen und lassen ihn um einiges gesetzter wirken als seinen Schütze-betonten Crowley-Bruder. Das zweite auf der Karte abge­bil­dete Schutz­tier – der der Legende nach im Feuer woh­nende Sala­mander – ver­leiht diesem eigent­lich schon sehr beein­druckenden Herr­scher noch das gewisse geheim­nis­volle Etwas, das ihn ein­fach unwi­der­steh­lich macht.

Auch wenn er im Gegen­satz zur Thoth-Ver­sion auf einem Thron sitzt – sein Körper wirkt eben­falls ange­spannt und jeder Zeit bereit zum Sprung. Viel­leicht würde er es lieber seinem leicht­le­bigen Vasallen, dem Ritter der Stäbe gleichtun, und sich ein­fach mit ihm ins Aben­teuer stürzen ohne einen Gedanken an Morgen ver­schwenden. Doch da er nun mal zum Still­sitzen und Regieren ein­ge­setzt ist, übt er sich wenig­stens in einem dyna­mi­schen Regie­rungs­stil – mit auf­recht gehal­tenem Zepter-Stab in der rechten, aktiven Hand.

Diese Ver­sion des Rit­ters der Stäbe stammt aus dem RWS-Bor­der­les­starot, das Teil der Public Domain ist

Dass er wie alle Könige im Waite-Smith Tarot eine „Schirm­haube“ trägt, zeigt auch, dass er bereit ist ein gerechter, strenger und ent­schie­dener Schirm­herr seines Volkes zu sein. Hajo Banzhaf sieht ihn denn auch als Ver­kör­pe­rung eines Bar­ba­rossa oder Salomon – legen­däre Licht­ge­stalten der Gerech­tig­keit, die auch heute noch gern als Erlö­ser­fi­guren gesehen werden. Es ist erneut Rachel Pol­lack, die auf die Schat­ten­seiten sol­cher Mäch­tigen hin­weist: Sie ver­gleicht den Stab-Regenten mit Julius Caesar, dem Impe­rator par excel­lence. Der General über­nahm Rom und machte sich selbst zum ein­zigen Herr­scher der demo­kra­tisch orga­ni­sierten Stadt. Somit belei­digte er den Senat und besie­gelte seine blu­tige Ermor­dung. Wir lernen: Die Hybris dieses feu­rigen Herr­scher­typus, dem auch der Löwe Napo­leon zuge­sellt werden kann, ist sicher seine Arro­ganz. Er sollte unbe­dingt lernen, allen Men­schen – auch denen, die er als unter seiner Würde betrachtet – mehr Umsicht und Respekt ent­ge­gen­zu­bringen.

Der Ritter der Stäbe in der Legepraxis

Ziehst du die Karte in einer Legung, soll­test du über deine aktiven feu­rigen Per­sön­lich­keits­an­teile nach­denken und dar­über, wie du sie der­zeit aus­lebst. Themen wie Über­heb­lich­keit, vor­schnelle Impul­si­vität und Zorn könnten ange­spro­chen werden, aber auch wich­tige Fragen wie: „Ent­falte ich in der­zeit mein eigent­lich mein volles Poten­tial?“, „Was sind meine Füh­rungs­kom­pe­tenzen?“, „Wofür brenne ich?“ oder „Was bin ich bereit, für aus­ge­lebte Lei­den­schaft zu zahlen?“. Denn ver­giss nicht: Dieser Mann ist so heiß wie ein Vulkan: Du kannst dir an ihm ordent­lich die Finger ver­brennen, wenn du ihm fraglos die Füh­rung über­läßt.

Autor: Tarotwissen

I have been working with Tarot and Astrology for many years full-time and self-employed, teaching and counceling. I am also publishing books and articles about spiritual subjects. My main focus is: How to use ancient disciplines in our modern times. Since 2013 I have been president of the German Tarot Association: Tarot e.V. (www.tarotverband.de)

Kommentare sind geschlossen.