Tarotwissen

Tarot, Astrologie, kreatives Schreiben

Die verkehrte Herrscherin — oder vom Umgang mit umgedrehten Karten

Die Herr­scherin stammt aus dem Bor­der­less RWS, @ public domain

Beson­ders zu Beginn ihrer Kar­ten­leger-Kar­riere berichten mir Schüler häufig, dass sie mit umge­drehten Karten ein­fach nichts anfangen können. Sie ver­spüren einen großen Wider­willen, Bilder zu deuten, die in einer Kar­ten­le­gung auf dem Kopf, also »falsch herum«, liegen. Aber auch erfah­rene Kar­ten­le­ge­rinnen drehen diese Stö­ren­friede lieber kur­zer­hand „richtig“ herum. Argu­mente dafür gibt es genug: Ein Tarotset besteht schließ­lich bereits aus 78 Karten. Diese vielen Bedeu­tungen müssen erst einmal alle aus­wendig gelernt werden! Was braucht es denn da noch für zusätz­liche Deu­tungen? Außerdem irri­tieren ver­kehrt her­um­lie­gende Karten oft das ästhe­ti­sche Gefühl der Betrachter und hemmen dadurch deren Intui­tion. Es ist ein wenig wie beim Tarot­trumpf Der Gehängte. Achte einmal darauf: Wird diese Karte von jemandem gezogen, der mit dem Tarot noch nicht in Berüh­rung gekommen ist, dreht er den auf ihr abge­bil­deten, „ver­kehrt“ herum hän­genden Men­schen kur­zer­hand um. Wir sind Gewohn­heits­tiere und mögen es nicht, wenn unsere Welt — oder unsere Karten — auf den Kopf gestellt werden. Auch wenn mit Tarot zuneh­mend psy­cho­lo­gisch gedeutet wird, werden umge­drehte Karten viel zu oft als negativ und fata­li­stisch betrachtet. Men­schen reagieren auf sie mit Angst und Vor­sicht.

Mir ist es am Anfang meiner Arbeit mit dem Tarot genauso ergangen. Daher finde ich es völlig in Ord­nung, wenn Du  umge­drehte Karten in einer Aus­lage igno­rieren willst. Ich betone nicht zum ersten Mal, wie wichtig es ist, dass du für deine Kar­ten­in­ter­pre­ta­tionen eigene Regeln auf­stellen soll­test. Diese kannst du aber immer mal wieder hin­ter­fragen. In Sachen „umge­drehte Karten“ möchte ich ich dich mit diesem Artikel genau dazu bringen. Fakt ist, dass dir eine sehr inter­es­sante Inter­pre­ta­ti­ons­ebene ver­loren geht, wenn du die Umdre­hungen nicht berück­sich­tigst oder zumin­dest bewusst wahr­nimmst.

Umge­dreht fal­lende Karten sind näm­liche keine bloße Umkeh­rung der auf­rechten Bedeu­tung einer Karte. Taucht bei­spiels­weise die Karte Herr­scherin auf der Posi­tion „Das ist zu tun!” auf, heißt das kei­nes­wegs: „Handle nicht so sou­verän, kreativ und prak­tisch wie eine Herr­scherin.“  Auch ver­kehren Umdre­hungen eine posi­tive Bedeu­tung nicht ins Nega­tive und umge­kehrt. Die Herr­scherin, die gene­rell eine kluge, starke und ver­ant­wor­tungs­be­wusste Frau reprä­sen­tiert, wird also in ihrer Umkeh­rung nicht zwangs­läufig dumm, schwach und unver­ant­wort­lich.

Viel­mehr reprä­sen­tieren umge­drehte Karten blockierte Ener­gien, die du beson­ders beachten und frei­setzen sollst, damit du das dich gerade bewe­gende Thema in genau die Rich­tung lenkst, die du gern ein­schlagen möch­test. Umge­drehte Tarot­karten lassen dich einen Blick hinter den Schleier des Nahlie­genden auf die mysti­sche „andere Seite“ werfen. Sie führen — nicht nur — bei der Kar­ten­in­ter­pre­ta­tion über die Grenzen deine Den­kens und Füh­lens hinaus und ent­führen dich in das Reich der Poten­tiale und unbe­wussten Motive hinter einer Fra­ge­stel­lung.

Wie sich das kon­kret im eigenen Leben äußern kann, beschreibt die berühmte ame­ri­ka­ni­sche Tarot-Expertin Mary K. Greer sehr schön in  Tarot Rever­sals. Das Buch­be­schäf­tigt sich aus­führ­lich mit der Inter­pre­ta­tion und dem Für und Wider umge­drehter Karten. Hier ein kleiner Aus­schnitt daraus, den ich selbst gelesen habe, als ich noch nicht mit umge­drehten Karten arbei­tete:

Wie wohl jede, die ein Buch über Tarot geschrieben, einen Kurs unter­richtet oder besucht oder ein Deck kre­iert hat, stellte ich bei der Arbeit an Tarot Rever­sals eine unheim­liche Syn­chro­ni­zität zwi­schen meinem Leben und den Karten, mit denen ich mich inten­siver beschäf­tigte, fest. Ich spürte quasi jede Umdre­hung in meinem Alltag: Als ich über die Schwerter — Karten der Kom­mu­ni­ka­tion, Wahr­heit und Ethik, schrieb — musste ich eine Krise inner­halb einer Orga­ni­sa­tion, managen, bei der Betrug im Spiel war. Das umge­drehte Ass der Scheiben, das auf Kör­per­themen ver­weisen kann, kor­re­spon­dierte bei mir mit einer schmerz­haften Seh­nen­zer­rung kurz vor einer Reise. Die umge­drehte Zehn der Scheiben, die für Herd und Heim steht, lies bei meiner Bank zwei wich­tige Schecks platzen, die die Raten für mein Haus decken sollten. Meine Schei­dung wurde an dem Tag rechts­kräftig als ich mit dem Tod begann. Der Turm kor­re­spon­dierte mit dem Blind­darm­bruch eines Freundes. Bücher, die ich las, Work­shops und Lehr­gänge, die ich unter­rich­tete und besuchte, alle krei­sten um Themen, die sich auch in den Karten, an denen ich gerade arbei­tete, spie­gelten…“

Greers Worte machten Ein­druck auf mich. Ich begann mich näher mit den Karten aus­ein­an­der­zu­setzen, die in Legungen aus meiner Sicht „falsch“ herum zu liegen kamen und stellte fest: Gerade diese Karten kon­fron­tierten mich mit tief­lie­genden Themen, denen ich mich ehr­lich stellen musste.

So trug ich mich viele Jahre mit einem uner­füllten Kin­der­wunsch herum und befragte dazu viel zu häufig die Karten. Immer wieder fiel die Herr­scherin aus dem Deck. Dass diese Karte der Mut­ter­schaft dabei stets auf dem Kopf zu liegen kam, igno­rierte ich geflis­sent­lich. Irgend­wann wurde mir bewusst, dass dies wohl seinen Sinn hatte und ich begann, mich mehr mit der Herr­scherin zu beschäf­tigen. Wollte ich wirk­lich aus dem tief­sten Herzen Mutter sein? Was, wenn ich tat­säch­lich nicht schwanger werden würde? Solche und andere Fragen stellte ich mir, bis mir klar war, dass ich das Thema los­lassen musste. Ich fand mich damit ab, viel­leicht kein Kind zu bekommen. Drei Wochen später war ich schwanger. Mein Sohn ist heute 9 Jahre alt. Ich bin mir sicher: Die umge­drehte Herr­scherin hat ent­schieden dazu bei­getragen, dass ich ihn gebären durfte.

Viel­leicht macht dich mein recht per­sön­li­ches Bei­spiel neu­gierig darauf, deine Erfah­rungen mit umge­drehten Karten eben­falls zu sam­meln. Dann emp­fehle ich dir, dir unbe­dingt ein Kar­ten­deck zuzu­legen, dessen Rück­seite nicht zeigt, wie herum die ein­zelnen Karten liegen. Auch soll­test du dir über­legen, wann eine Karte für dich eigent­lich als umge­dreht gilt. Meine Regel lautet: Nur wenn sich die Karte wäh­rend des Misch­vor­gangs wendet, zähle ich sie als umge­kehrt. Vor dem Mischen kon­trol­liere ich des­halb stets, ob alle Karten in eine Rich­tung liegen. Dies macht die Umkeh­rung umso mysti­scher und bedeut­samer. Ein wei­terer Tipp: Im Laufe der Jahre habe ich mir für jede Umdre­hung Stich­worte zuge­legt. Pro­bier es doch auch aus: Was sym­bo­li­siert eine Umdre­hung genau für dich? Eine Blockade der ursprüng­li­chen Energie? Das Gegen­teil der ursprüng­li­chen Bedeu­tung? Ein ganz anderes Stich­wort? Ich bin mir sicher, wenn du dich darauf ein­lässt, wird dein Deu­tungs­re­per­toire schnell wachsen.

Autor: Tarotwissen

I have been working with Tarot and Astrology for many years full-time and self-employed, teaching and counceling. I am also publishing books and articles about spiritual subjects. My main focus is: How to use ancient disciplines in our modern times. Since 2013 I have been president of the German Tarot Association: Tarot e.V. (www.tarotverband.de)

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