Tarotwissen

Tarot, Astrologie, kreatives Schreiben

Tarothofgesellschaft — der Ritter der Kelche, ein Frauenflüsterer

Aktua­li­siert

In Richard Wag­ners spät­ro­man­ti­scher Oper „Lohen­grin“ führt sich Für­stin Elsa, die weib­liche Heldin des Stücks, mit fol­gender mysthi­scher Traum­vi­sion ein:

„Einsam in trüben Tagen hab' ich zu Gott gefleht,
des Herzens tiefstes Klagen ergoß ich im Gebet.

Da drang aus meinem Stöhnen ein Laut so klagevoll,
der zu gewalt'gem Tönen weit in die Lüfte schwoll:

Ich hört' ihn fernhin hallen, bis kaum mein Ohr er traf;
mein Aug' ist zugefallen, ich sank in süßen Schlaf.

In lichter Waffen Scheine ein Ritter nahte da,
so tugendlicher Reine ich keinen noch ersah.

Ein golden Horn zur Hüften, gelehnet auf sein Schwert,
so trat er aus den Lüften zu mir, der Recke wert.“

Elsas heißes Sehnen – heute würden wir das viel­leicht eine „Visua­li­sie­rung“ nennen – führt als­bald eben diesen besun­genen Traum­mann, Grals­ritter Lohen­grin, auf den Schau­platz des Gesche­hens. Im Hand­um­drehen befreit er die junge Frau aus Kummer und Not und ver­zau­bert ihr Leben wun­dersam, hei­ratet sie gar, nur um kurz darauf wieder aus ihrem Leben zu ent­schwinden und sie mit gebro­chenem Herzen zurück­zu­lassen.

Elsa steht mit ihrem trau­rigen Schicksal wahr­lich nicht allein da. Oder hast du dir noch nie einen Atem berau­benden Recken (oder mei­net­wegen auch eine Reckin) herbei gesehnt, um den tri­sten Alltag zu ver­klären? Und wenn – wie es in sol­chen Sita­tionen doch einmal geschieht – der Held dann tat­säch­lich aus dem Nichts auf­taucht, deine Gefühle durch­ein­ander wir­belt und deinen Körper ero­ti­siert – wie lange dauert es dann, bis er sich ebenso plötz­lich und uner­wartet wieder aus deinem auf­ge­wühlten Leben stiehlt oder sich im All­tags­trott seine Magie ver­liert?

Den Traum­ritter allein für solch Lie­bes­misären ver­ant­wort­lich zu machen, wäre aller­dings mehr als unfair. Schließ­lich macht Lohen­grin Elsa von Anfang an ein­dring­lichst deut­lich, dass er sie sofort ver­lassen werde, sollte sie ihn zu ent­my­sti­fi­zieren ver­su­chen. Doch die neu­gie­rige Frau schlägt alle War­nungen aus dem Wind, sto­chert in seiner Ver­gan­gen­heit rum und wun­dert sich dann, dass der Ritter seine Dro­hung wahr macht. Fazit: Die Unste­tig­keit eines Her­zens­mannes ist oft nicht so sehr das Pro­blem wie die Gier der Partner nach geheim­nis­voller Lei­den­schaf­tich­keit bei gleich­zei­tigen Besitz­an­sprü­chen. Eins ist leider gewiss – nie­mand kann alles haben.

Die innere Rast­lo­sig­keit, die Teil dieser Legende ist, und die damit ver­bun­dene, nicht enden wol­lende Suche nach Erfül­lung einer unbe­schreib­li­chen Sehn­sucht, wird im Tarot am stärk­sten im Ritter (nach Waite) oder im Prinz (nach Crowley) der Kelche aus­ge­drückt. Dabei ent­s­picht Crow­leys geflü­gelter, grün-blau ver­schat­teter Prinz – gezogen von einem Adler über bewegtes Wasser – sehr dem geheim­nis­vollen, im Schwanen-Boot fah­renden Lohen­grin auf dem Weg zu seiner Elsa. Waites Ritter auf seiner lang­samen Reise durch wüstes Land hin­gegen scheint eher dem des­il­lu­sio­nierten Manne zu glei­chen, der wei­ter­zieht, wenn seine inten­siven Emo­tionen nicht (länger) befrie­digt und seine Ideale ent­täuscht werden. Die Tat­sache, dass Waites Kel­che­ritter erheb­liche bild­liche Par­al­lelen zu Trumpf XIII (Der Tod) aus dem selben Deck auf­weist, unter­mauern diese These und zeigen, die Kraft der Trans­for­ma­tion, die im Ritter ebenso ruht wie im Tode.

Toll­kühner Opti­mist oder des­il­lu­sio­nierter Träumer – ein ver­bin­dendes Leit­motiv bei den beiden unter­schied­li­chen Inter­pre­ta­tionen Waites und Crow­leys des „Herrn der Wellen und des Was­sers“ (so der eso­te­ri­sche Unter­titel der Karte) ist der Auf­bruch zu neuen Ufern. Dies ist natür­lich ein wich­tiges Thema bei allen Rit­tern, bzw. Prinzen des Tarots. Denn nach der Tra­di­tion des Golden Dawn Ordens sind diese Hof­karten dem Ele­ment Luft zuge­ordnet und sym­bo­li­sieren so jenen jugend­li­chen „Sturm und Drang“, mit dem wir alle unser ganz per­sön­li­ches Reich und unsere Lieben erobern wollen. Auch sind die Ritter-Prinzen ener­ge­tisch eng mit Trumpf VII (Der Wagen) ver­bunden, der für unge­dul­digen Auf­bruch ins erwach­sene Dasein, für die Über­nahme von Eigen­ver­ant­wor­tung und auch für das Schei­tern an dieser Auf­gabe stehen kann.

Über­tragen wir diese Qua­lität auf die Kelche und somit auf das Ele­ment Wasser, das unter anderem für Emo­tionen, Fan­tasie, Spi­ri­tua­lität und Hin­gabe steht, so erklärt sich leicht, warum ein Traum­prinz wie Lohen­grin zwar die Ant­wort auf alle Wün­sche zu sein ver­meint, sich aber auch nie wirk­lich fest­halten läßt: Scheint er im Ver­gleich zu seinem Schwerter- oder Stäbe-Kol­legen auch noch so ruhig und gelas­senen – sein lei­den­schaf­li­ches Ver­langen und seine Emp­fin­dungs­fä­hig­keit sind ein­fach zu viel­fältig und uner­sätt­lich, um sich ewig von nur einem Objekt der Begierde befrie­digen zu lassen.

Gleich­zeitig ist es jedoch gerade die Auf­gabe des Kel­che­rit­ters oder –prinzen, sein uner­schöpf­li­ches inneres Poten­tial zu foku­sieren, ihm Form zu geben und es so für sich und seine Umwelt ver­ständ­lich aus­zu­drücken. Nicht selten ver­kör­pert sich die Energie dieser Karte daher in einer Künst­ler­natur mit den diesen Per­sön­lich­keiten oft inne­woh­nenden Kon­flikten von enormer Schaf­fens­ge­walt und mit­rei­ßendem Talent gegen fast naiver Welt­fremd­heit bis hin zur tat­sä­chi­chen Welt­flucht durch Sucht­ten­denz.

Neben dem Auf­bruch ist ein wei­teres wich­tiges Motiv sowohl von Ritter- als auch Prinz-Karte der Kelch, der in der Lite­ratur gern mit dem Hei­ligen Gral gleich­ge­setzt wird. Dieses geheim­nis­volle Symbol, das in zahl­rei­chen Welt-Kul­turen in unter­schied­lich­ster Form auf­taucht, wird gerade auch in Ver­bin­dung mit der Artus-Sage gern als ein durch Jesus beim Letzten Abend­mahl geseg­neter Kelch betrachtet, in dem das Blut des Hei­lands unter dem Kreuze auf­ge­fangen wurde. Auf­be­wahrt und behütet von Grals­rit­tern, steht dieser Kelch für das ewige Leben, das Hei­lige in der Materie und das immer wäh­rende Fließen spi­ri­tu­ellen Wis­sens und uni­ver­seller Liebe – Themen des Kel­che­satzes.

Für den pro­fanen Lebens­alltag heißt das:  Diese Sehn­sucht ist oft so groß, dass wir alles dafür tun, sie sichtbar zu machen. Sie im Außen zu erleben, anstatt sie in den Tiefen unseres Selbst zu suchen. So über­tragen wir unsere Wün­sche und die damit ver­bun­denen Träume gern auf einen anderen Men­schen (hier sehe ich den Ursprung der beliebten Deu­tung des Rit­teres oder Prinzen als Bot­schafter und Über­bringer von „erwünschten“ Nach­richten). Dies ist ein ver­ständ­li­ches Ver­halten, das aber leider oft zu Pro­blemen führt. Denn diese Pro­jek­tion auf tat­säch­liche Per­sonen läßt mehr von unserem Seelen- und Lie­bes­leben erkennen als vom geliebten Gegen­über und ver­strickt uns in unrea­li­sti­scher Vor­stel­lungen, die zumeist keine Basis für eine lang­fri­stige Bezie­hung sind. Schließ­lich soll unser Grals­ritter oder Kel­che­prinz fähig sein, unser Herz zu öffnen und sich in unsere inni­ge­sten Träume mit Leich­tig­keit ein­zu­fühlen und sie so – ohne große Arbeit von uns selbst – auf immer zu befrie­digen.

Exi­si­tiert zum Zeit­punkt einer Legung bereits ein roman­ti­sches Inter­esse oder taucht kurz danach in deinem Leben ein poten­ti­eller Lieb­haber auf, so ist er wahr­schein­lich wirk­lich hoch sen­sibel, begei­ste­rungs­fähig und sinn­lich – aber eben leider nur so lange beständig, wie du selbst etwas dafür tun. Nur so lange näm­lich, wie du einem Kel­che­ritter-Prinzen die Abwechs­lung und genau den Hauch von Myste­rio­sität bie­test, die seine weit aus­ufernde Fan­tasie braucht, um sich nicht nach neuen und für ihn span­nenden Aben­teuern umzu­sehen.

Denn der Kel­che­mann ist nun einmal nicht einem Men­schen, son­dern seiner Grals-Mis­sion treu. Deine ein­zige Chance ihn an dich zu binden, ist, ihn bei der Fin­dung seines Lebens­sinns zu helfen, seinen Visionen zu inspi­rieren und ihnen die Boden­stän­dig­keit zu geben, die er selbst so schwer erlangen kann. Nur wer selbst stets auf den eigenen „inneren Ritter“ lauscht und an der eigenen Bezie­hungs­fä­hig­keit arbeitet, wird sich län­gere Zeit seiner sinn­li­chen und roman­ti­schen Vor­züge erfreuen. Ritter und Prinz laden auf eine ewige Reise ein. Fest­halten kannst du sie nie.

Autor: Tarotwissen

I have been working with Tarot and Astrology for many years full-time and self-employed, teaching and counceling. I am also publishing books and articles about spiritual subjects. My main focus is: How to use ancient disciplines in our modern times. Since 2013 I have been president of the German Tarot Association: Tarot e.V. (www.tarotverband.de)

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