Tarotwissen

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Der Hauch des Schicksals — die Tarotkarte Acht der Stäbe

Liegt da etwas ein Hauch von Schicksal in der Luft? Hauch? Ach was! Eine steife Brise reißt uns mit, wenn Acht Stäbe plötz­lich durch die Höhe schnellen und unser Leben ordent­lich durch­ein­ander quirlen. „Auf­bruchs­stim­mung, Coming Out, frohe Nach­richten, fri­sche Impulse, ver­selb­stän­digte Ereig­nisse“ – die Tarot­lite­ratur ist sich mal einig und über­schlägt sich bei der Inter­pre­ta­tion dieser Karte mit Super­la­tiven zur Bewe­gungs­freu­dig­keit. Und in der Tat bedachte der Her­me­ti­sche Orden „Golden Dawn“ dieses kleine Arkanum mit dem flotten Titel „Herr der Schnel­lig­keit“. Ein mehr als pas­sendes Motto für die Stab­karte, die nach den astro­lo­gi­schen Kor­re­spon­denzen dieser magi­schen Geheim­ver­ei­ni­gung, der bekannt­lich sowohl Arthur E. Waite als auch Alei­ster Crowley um die 20. Jahr­hun­dert­wende ange­hörten, Merkur im Schützen zuge­ordnet ist. Schließ­lich steht diese Kom­bi­na­tion unter anderem für opti­mi­sti­sches Streben nach gedank­li­cher Frei­heit, eupho­ri­sche Kom­mu­ni­ka­tion und Wahr­heits­fin­dung in so wich­tigen Gebieten wie Reli­gion, Phi­lo­so­phie, Gesetz und Sozialem. Merkur im Schützen will es also wirk­lich wissen und so wun­dert es wenig, dass wir laut eso­te­ri­schen Kreisen gehalten sind, uns näher mit der Acht der Stäbe aus­ein­ander zu setzen, wenn wir okkulte Ein­sichten erlangen wollen, die uns bei unserer per­sön­li­chen spi­ri­tu­ellen Wei­ter­ent­wick­lung helfen können. Die durch inten­sive Beschäf­ti­gung mit dieser Karte frei­ge­setzte Energie und Infor­ma­ti­ons­flut fest­zu­halten und zu ordnen, ist dabei wohl die schwerste Auf­gabe für die oder den Wissendurstige/n.

Diese Ver­sion der schnellen Acht der Stäbe stammt aus dem RWS-Bor­der­les­starot, das Teil der Public Domain ist

Ein energiegeladenes Bild bei Waite und Crowley

Auch visuell ist diese Karte in steter Unruhe und lässt sich kei­nes­wegs fest­legen. Sowohl beim Thoth-Deck von Alei­ster Crowley und Lady Frieda Harris als auch bei Waite-Smith fällt die Illu­stra­tion aus dem anson­sten klar vor­ge­ge­benen Stäbe-Rahmen: Crow­leys sonst so gerade geformten Feu­er­zepter haben sich hier in elek­tri­sie­rende Blitze oder Ener­gie­wellen ver­wan­delt. Die ent­stan­dene Hoch­span­nung ist kurz davor, alte Begren­zungen zu sprengen und so Raum für Ent­wick­lung und Fort­schritt zu schaffen. Und Waites sich im freien Fluge befind­li­chen Stäbe sausen durch eine men­schen­leere, wenn auch frucht­bare Land­schaft. Unge­wöhn­lich für seinen Feu­er­satz, in dem sonst haupt­säch­lich wil­lens­starke, kämp­fe­ri­sche und aktive Cha­rak­tere gezeigt werden.

Diese Tarotkarte überwindet Schwierigkeiten mit Leichtigkeit

Beiden prin­zi­piell so unter­schied­li­chen Dar­stel­lungen ist dann auch eins gemein: Die enthu­si­asti­sche Energie der Acht über­windet nahezu mit Licht­ge­schwin­dig­keit die Her­aus­for­de­rungen und Schwie­rig­keiten, mit denen wir in der vor­an­ge­gangen Karte noch sehr tapfer zu ringen hatten. Denn wie alle Sie­bener der Kleinen Arkana ist auch die Sieben der Stäbe mit dem Arche­typus „Der Wagen“ und somit mit Themen wie Durch­set­zungs­ver­mögen und indi­vi­du­eller Ent­schei­dungs­kraft in allen wich­tigen Lebens­be­rei­chen ver­bunden. Hier gilt es, gegen tief sit­zende ener­ge­ti­sche Blockaden anzu­kämpfen und sich mutig gegen Urängste auf­zu­lehnen. 

Die 8 der Stäbe — eine Karte der Gerechtigkeit und der Stärke

Wer den her­aus­for­dernden Sprung über den per­sön­li­chen Abgrund einmal wagt, wird in der Acht mit freier Bahn für neue Anfänge belohnt. Sei dies durch einen span­nenden Arbeits­wechsel, uner­war­tetes Geld im Porte­mo­naie, eine fri­sche, lei­den­schaft­liche Bezie­hung oder end­lich zurück gewon­nene Gesund­heit. Plötz­lich laufen die Dinge nach viel­leicht langen Phasen der Sta­gna­tion wieder ganz von allein, ver­selb­stän­digen sich viel­leicht sogar so sehr, dass wir Mühe haben, über­haupt noch Schritt zu halten. Tat­säch­lich scheinen die einmal abge­schos­senen Pfeile, die frei­ge­setzten Blitze nicht mehr länger von unserem Willen steu­erbar. Die Ereig­nisse können uns ent­gleiten, beson­ders wenn wir darauf ver­fallen, sie als Schick­sals gegeben zu betrachten. Warum das so ist und wie wir dagegen ansteuern können, hilft uns erneut die Nume­ro­logie zu begreifen.

Diese Ver­sion der Gerech­tig­keit stammt aus dem RWS-Bor­der­les­starot, das Teil der Public Domain ist

Nach den Zuord­nungen des Golden Dawn, mit denen Crowley bei der Erstel­lung seines Deck arbei­tete, trägt die Acht der Stäbe die Ener­gien des Trumpfes „Gerech­tig­keit“ oder dem Atu „Aus­glei­chung“ in sich. Der Zusam­men­hang scheint offen­sicht­lich: Wir haben bei einer für uns schwie­rigen Ent­schei­dung end­lich Wil­lens­stärke bewiesen und steuern nun in Win­des­eile auf das ersehnte Ziel zu. Die Würfel sind gefallen, die gerechten Kon­se­quenzen unserer Hand­lungs­weise folgen auf dem Fuße. Unter dem Ein­fluss der Karte erleben wir dann auch häufig, dass Men­schen, Ange­bote, Dinge und Bot­schaften scheinbar aus dem Nichts (wieder) auf uns zukommen und über­schla­gende Ereig­nisse ein­leiten, zu deren wei­teren Ent­wick­lung wir dann herz­lich wenig bei­tragen müssen oder eben gar können. In sol­chen Situa­tionen nicht das große Wort der Schick­sals­haf­tig­keit zu bemühen, son­dern sich immer wieder die Ver­ant­wor­tung für die eigenen Taten, die die Ent­wick­lung ja erst in Gang gebracht haben, ins Bewusst­sein zu rufen, fällt nicht immer leicht und ist eine große Her­aus­for­de­rung dieser Karte.

Diese Ver­sion der Kraft stammt aus dem RWS-Bor­der­les­starot, das Teil der Public Domain ist

Auch Waites nume­ro­lo­gi­sche Zuord­nung der Acht zum Großen Arkanum „Kraft“ lässt sich gut nach­voll­ziehen. Hier ist klar: Die Ent­schei­dung liegt hinter uns. Wir haben unsere Ängste buch­stäb­lich im Griff, fühlen unser volles Poten­tial und spüren, wer wir wirk­lich sind. Nun heißt es nur noch, den wilden Löwen auf lange Sicht zu zähmen und so zu dau­er­hafter Selbst­er­kenntnis zu gelangen, ein Thema, das dem neunten Trumpf „Der Eremit“ unter­stellt sein wird. Der­zeit jedoch schert uns das wenig. Wir sind im wahr­sten Sinne des Wortes in unsere Kraft gekommen und können das auch ver­dient genießen. Doch sollten wir immer darauf achten, dass Eigen­ver­ant­wor­tung und Kräf­te­haus­halten – kein ver­meint­li­cher Schick­sals­hauch – unser Leben bestimmen, wenn wir die Acht der Stäbe ziehen.

Die 8 der Stäbe in der Legepraxis

Erscheint die Acht der Stäbe in einer Legung, können wir sicher sein, dass neue, zumeist posi­tive Impulse in der Luft liegen. Doch natür­lich hat auch diese Karte ihre Schat­ten­seiten und kann auf Eifer­sucht, Streit­lust und Kon­kur­renz­kampf hin­weisen. Eins ist jedoch klar, wir sind kurz vor dem Ziel, auch oder gerade ganz beson­ders in Her­zens­an­ge­le­gen­heit. Vielen Lesern wird die Karte denn auch als „Pfeile der Liebe“ bekannt sein, eine Bedeu­tung mit der bereits Waite die Acht der Stäbe in seinem Bil­der­schlüssel zum Tarot versah. Das beschwingte Gefühl des Ver­liebt­seins, das in der Tat sehr oft durch diese Karte signa­li­siert wird, kommt für mich am besten in der Ver­sion des Decks von Carl Röhrig zum Aus­druck.

Die Lie­benden der Stäbe © Aqua­marin und Königs­furt-Urania

Hier sehen wir zwei Men­schen, die wie magisch von ein­ander ange­zogen werden. Noch sind ihre Augen geschlossen, aber ein Strom inspi­rie­render Energie ver­bindet sie, durch­fließt sie und lässt sie nicht mehr von ein­ander los­kommen. Die Stäbe sind noch nicht auf dem Boden, die Blitze haben noch nicht ihr Ziel erreicht – die Ver­bin­dung zwi­schen den beiden ist noch nicht unbe­dingt mate­ria­li­siert. Viel­leicht lieben sie sich aus der Ferne oder im vir­tu­ellen Inter­net­raum, viel­leicht kennen sie sich noch nicht einmal. Auf jeden Fall sind sie in sehn­süch­tiger Lei­den­schaft mit­ein­ander ver­bunden und es wird schwer fallen, den Magne­tismus zwi­schen den beiden jetzt noch auf­zu­halten.

Viel­leicht liegt ja doch ein Hauch von Schicksal in der Luft?

Autor: Tarotwissen

I have been working with Tarot and Astrology for many years full-time and self-employed, teaching and counceling. I am also publishing books and articles about spiritual subjects. My main focus is: How to use ancient disciplines in our modern times. Since 2013 I have been president of the German Tarot Association: Tarot e.V. (www.tarotverband.de)

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