Tarotwissen

Tarot, Astrologie, kreatives Schreiben

9 Schwerter — Augen auf!

Wen wundert’s, dass eine Karte, die vom eng­li­schen Geheim­orden Golden Dawn zum „Herrn der Ver­zweif­lung und Grau­sam­keit“ ernannt wurde, wenig Anklang in der Tarot­welt findet. Schließ­lich hatten schon die Tarot-Groß­mei­ster Arthur E. Waite und Alei­ster Crowley kaum etwas Posi­tives über die Neun der Schwerter zu sagen. So ver­bindet Waite sie in seinem Bil­der­schlüssel zum Tarot mit divi­na­to­ri­schen Bedeu­tungen wie Tod, Fehl­schlag, Fehl­ge­burt und Ver­zweif­lung. Und Crowley ver­legt ihre Wir­kungs­kraft in seinem Buch Thoth gar in das Reich der pri­mi­tiven Instinkte, der Psy­cho­pa­then und Fana­tiker. 

Begründet werden diese wenig appe­tit­li­chen Asso­zia­tionen von den gei­stigen Vätern der Tarot-Klas­siker mit der astro­lo­gi­schen Ver­bin­dung dieses Kleinen Arka­nums mit Mars in Zwil­linge, einer Kon­stel­la­tion die in der Lite­ratur mit einem zyni­schen (inneren) Kri­tiker, Richter oder eis­kalten Inqui­sitor gleich­ge­setzt wird. Auch die kab­ba­li­sti­sche Ver­bin­dung der Neun Schwerter zur Sephirah Yesod, die – vom Mond bestimmt – tief unten im kab­ba­li­sti­schen Lebens­baum ange­sie­delt ist, macht die Sache nicht wirk­lich besser, da unter ihrem wäss­rigen Ein­fluss die scharfen Ver­standes-Waffen der Schwerter-Energie rostig und stumpf werden können. Gleich­zeitig jedoch kann Yesod als zen­traler Punkt im Lebens­baums dazu ver­helfen, gedank­liche Unord­nung zu struk­tu­rieren und lang gehegte Illu­sionen end­gültig zu besei­tigen: Not­wen­dige Vor­aus­set­zung dafür, wenn wir Sterb­li­chen uns aus dem irdi­schen König­reich Mal­kuth in höhere spi­ri­tu­elle Sphären begeben wollen.

Die 9 Schwerter aus dem RWS Bor­der­less Tarot.
© Public Domain

Es ist also doch nicht alles so düster, wie es auf den ersten Blick scheint. So wirkt das für Waite von Pamela Colman-Smith geschaf­fene Bild zwar lichtlos und sor­gen­voll. Doch ist die Gestalt, die hier viel­leicht aus beäng­sti­genden Träumen erwacht (den Nach­hall dieser Alb­träume können wir auf der ins Bett geschnitzten Kampf­szene ver­muten), mit einem schüt­zenden Motiv aus Rosen und astro­lo­gi­schen Zei­chen bedeckt. Außerdem hängen die Schwerter hinter, nicht über ihr. Sie sperren so mög­li­cher­weise die Sicht auf Ver­gan­genes. Den Blick in die Zukunft werden sie jedoch kaum ver­hin­dern, wenn die Gestalt mutig genug ist, end­lich die Hände von den Augen zu nehmen und die Karte licht werden zu lassen. Die auf­fällig ordent­liche Anein­an­der­rei­hung dieser Schwerter­sperre wurde von einer meiner Schü­le­rinnen übri­gens einmal als „Him­mels­leiter“ bezeichnet. Ein schönes Bild dafür, dass wir kon­fuse und nega­tiven Gedan­ken­frag­mente, die uns in der Ver­gan­gen­heit halten, erst einmal mental struk­tu­rieren müssen, um uns zu kühn­sten Gei­stes­höhen und neuen Ideen auf­schwingen können.

Auch die für Crowley von Frieda Harris ent­wor­fene Ver­sion der Karte ist nicht nur darauf ange­legt, dass uns, wie Lon Milo DuQuette es in seinem Thoth Erklär­buch beschreibt, „absolut schlecht“ wird. Sicher, das Rost­ton­ge­misch ist nicht wirk­lich appe­tit­lich und auch die stumpfen Schwerter, die uns — ähn­lich wie die auf der Waite-Smith Karte — die Sicht auf den grauen, Tränen ver­han­genen Hin­ter­grund wehren, wirken so, als hätten sie schon reich­lich Wunden zuge­fügt. Blut und Gift träuft laut Crowley von ihnen. Nicht nur dies ver­bindet die Karte, die wie bereits erwähnt mit der mon­digen Sephi­roth Yesod kor­re­spon­diert, mit Harris’ Aus­ge­stal­tung von Atu XVIII, Der Mond. Hier wie dort die glei­chen rostigen Farben und Zwie­licht­stim­mung. Hier wie dort die Dar­stel­lung eines not­wen­digen Ent­gif­tungs­pro­zesses zur Aus­trei­bung von in der Ver­gan­gen­heit ent­stan­denen Illu­sionen, Zwei­feln und Äng­sten.

Auch das die Quint­essenz des Mondes bil­dende Große Arkanum beein­flusst die Karte. Denn wie alle Neunen lebt die 9 Schwerter die Themen des nume­ro­lo­gisch mit ihr ver­bun­denen Trumpfs IX, dem Eremit, in ihrem Ele­ment aus. Die der Luft zuge­ord­neten Schwerter bewegen sich dabei im Reich des Intel­lekts, der Kom­mu­ni­ka­tion und Gedanken. Eigent­lich ein Ele­ment, das dem wiss­be­gie­rigen Ere­miten wirk­lich zusagt – und den­noch scheint er hier mit einer schwie­rigen Her­aus­for­de­rung kon­fron­tiert.

In seinem Deut­schen Tarot­buch bezeichnet Okkul­tist A. Frank Glahn den Erkenntnis suchenden Ere­miten als „Weiser,

Der Tarot­trumpf Eremit von Frank Glahn

Weg­weiser, Vor­bild“. Laut ihm beleuchtet dieser Trumpf das Kom­mende. Gerade im Hin­blick auf die 9 Schwerter ist dies für mich eine beson­ders tref­fende Beschrei­bung: Der alte Weise mit seiner Laterne, der sich selbst und seinen Betrach­tern den Weg aus einer oft selbst erschaf­fenen und ori­en­tie­rungs­losen Dun­kel­heit ins Licht, hin zur Wand­lung (Trumpf X, das sich ewig dre­hende Rad des Schick­sals) weisen kann. Diese Grund­stim­mung macht auch die Neuner zu Karten, die uns zum genauen Hin­sehen und Erkennen der tat­säch­li­chen gegen­wär­tigen Umstände auf­for­dern, damit wir uns so aus „grau­samen“ Zeiten wieder auf die Son­nen­seite des Lebens kata­pul­tieren.

Eine schöne Ana­logie zur mög­li­chen Wir­kungs­kraft dieser Karte bietet der leider ver­stor­bene Tarot-Visionär Akron in seinem umfang­rei­chen Crowley Tarot Führer  an, wenn er bei der 9 Schwerter auf die grie­chi­schen Rache­göt­tinnen, die  Erin­nyen, ver­weist. Beson­ders hart ver­folgten und quälten diese Pla­ge­gei­ster den Sohn des Helden Aga­mem­nons: Orest. Diesem war von Son­nen­gott Apollo befohlen worden, seine Mutter Kly­taim­nestra zu töten, nachdem sie den aus Troja sieg­reich heim­ge­kehrten Gatten im Bade erschlagen hatte. Für den auf­ge­zwun­genen Mut­ter­mord wurde er dann gemeiner Weise lange Zeit von besagten Erin­nyen gehetzt und fast in den Wahn­sinn getrieben. Erst nach einem öffent­li­chen Pro­zess und Frei­spruch durch Athene, die Göttin der Ver­nunft, wurde er von seinem Fluch befreit und die Erin­nyen in die Eumi­niden, die „Wohl­ge­sonnten“ ver­wan­delt. Eine Alle­gorie auf unge­wollte Schuld und glück­brin­gende Sühne, auf unver­ar­bei­tete Gewis­sens­bisse und deren not­wen­dige Ver­ar­bei­tung wie sie die 9 Schwerter nicht besser schil­dern könnte.

9 Schwerter von Pablo Röhrig © Aqua­marin und Königs­furt-Urania

Die Ver­sion des Künstler Carl Röhrig illu­striert diesen scho­nungs­losen Ere­miten-Blick auf nackte Tat­sa­chen her­vor­ra­gend: Ein rie­siges wei­nendes Auge domi­niert das blut­ver­schmierte Bild. Es ist betont durch dichte, dunkle Augen­brauen, reich­lich Kajal und lila Lid­schatten. Wie ein Fen­ster in unsere Ver­gan­gen­heit oder gar unsere Seele wirkt diese moderne Ver­sion des Horus-Auges. Wie ein Portal, durch das wir gehen können, um Kon­takt mit ver­gan­genen Schmerzen und Nöten auf­zu­nehmen und diese zu ver­ar­beiten. 

Was aber heißen all diese zuge­geben sehr abstrakten Über­le­gungen (doch wann, wenn nicht im Reich der Schwerter, ist es Zeit für Intel­lek­tua­lität 🙂 ) nun für die kon­krete Deu­tung der 9 Schwerter in der Lege­praxis? Oft besagt die Karte, dass sich die oder der Fra­gende der­zeit in eine Situa­tion begeben hat, die ihm oder ihr nicht wirk­lich gut tut. Viel­leicht tut er/sie das aber auch immer und immer wieder. Dies kann sich relativ undra­ma­tisch in tem­po­rären Alb­träumen, Depres­sion oder momen­taner Gefühls­er­star­rung äußern, sich aber auch in chro­ni­scher Opfer­hal­tung, Mär­ty­rertum, Maso­chismus und (Selbst)zerstörungswut mani­fe­stieren. Meist rei­chen die Ursa­chen für diese Hal­tung auf tief sit­zende Kind­heits­trau­mata,  Scham schaf­fende Erleb­nisse oder bereits vor­ge­burt­lich geprägte destruk­tive Anlagen zurück. Sätze wie „Das Leben ist eben schwer!“ oder „Ich hab eh nichts Bes­seres ver­dient.“ sind in diesem Zusam­men­hang oft zu ver­nehmen.

Fällt dann die Karte in einer Legung, kann dies bedeuten, dass diese unbe­wussten Muster durch aktu­elle Ereig­nisse oder akute Schocks plötz­lich aus den Tiefen des Unter­be­wusst­seins hoch geschwemmt werden. Es liegt nun an den Fra­genden selbst, lieber wei­terhin grausam gegen sich selbst zu bleiben oder das ent­spre­chende Angst­thema end­gültig zu über­winden. Auch auf die Gefahr hin, anderen – die sich daran gewöhnt haben, dass man klaglos zur Ver­fü­gung steht – damit viel­leicht weh­zutun. Die 9 Schwerter bietet aber leider nur Befreiung und Durch­bruch, wenn wir den Mut zu der Erkenntnis auf­bringen, dass die wirk­liche Grau­sam­keit der Karte darin besteht, dass wir zum Wohle anderer auf per­sön­liche Erfül­lung  ver­zichten. Auch sym­bo­li­siert sie die Ein­sicht, dass wir nicht immer die glei­chen Muster und Fehler durch­leben müssen, wenn wir das nicht wollen. Fällt die Karte in einer Legung, bedeutet das also, dass wir gerade jetzt erneut die Chance erhalten, mit der Selbst­quä­lerei auf­zu­hören und auf der luf­tigen Him­mels­rei­cher Rich­tung rosige Zukunft zu klet­tern. Manchmal, so lehrt uns die Geschichte des Orest’, schaffen wir dies nicht allein. So kann die Karte auch ein Hin­weis darauf sein, tief sit­zende Trau­mata mit beglei­tender pro­fes­sio­neller Hilfe zu ver­ar­beiten. Schließ­lich for­dern uns das Reich der Schwerter (siehe auch meinen Artikel 6 Schwerter) auch immer zum Kom­mu­ni­zieren und Selbst­aus­druck auf.

Autor: Tarotwissen

I have been working with Tarot and Astrology for many years full-time and self-employed, teaching and counceling. I am also publishing books and articles about spiritual subjects. My main focus is: How to use ancient disciplines in our modern times. Since 2013 I have been president of the German Tarot Association: Tarot e.V. (www.tarotverband.de)

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