Tarotwissen

Tarot, Astrologie, kreatives Schreiben

Der Röhrig-Tarot — Eine Einführung

Immer wieder stehen Tarot-Anfänger vor der Frage, wel­ches Deck sie sich am besten anschaffen sollten. Viele meiner Schüler/innen inter­es­sieren sich dabei beson­ders für den Röhrig-Tarot. Kein Wunder, es ist ein wirk­lich schönes Kar­ten­spiel mit dem Flair der frühen 1990er. Für mich hat es eine ganz beson­dere Bedeu­tung: Dank dieses Decks habe ich meinen Mann ken­nen­ge­lernt — und wir haben vor vielen Jahren ein Buch dar­über ver­fasst. In der Ein­lei­tung zu unserem Buch Phan­ta­sti­sche Welten geben wir einige Hin­weise, wie du dich dem Deck am besten nähern kannst. Hier kannst du sie nach­lesen.

Vom Narren zum Gericht

Als ROE und ich uns auf der ersten Mit­glie­der­ver­samm­lung des Tarot e.V. 2004 in Mün­chen ken­nen­lernten, waren wir beide sehr erstaunt, dass es da noch jemanden gab, der/die bei gern mit dem Röhrig-Deck beriet. Beide hatten wir unab­hängig von­ein­ander erkannt, dass sich Rat­su­chende dank der zeit­ge­nös­si­schen Bil­der­welt dieses Decks auch ohne große Vor­kennt­nisse in die Welt des Tarot ent­führen ließen. Auf selt­samen Wegen hatte das Deck zu uns beiden im glei­chen Jahr 1999 gefunden. Und schnell hatte es dann unser beider Lieb­lings­deck Crowley-Harris abge­löst. Da fiel es selbst uns Skep­ti­kern schwer, unser Zusam­men­treffen nicht als einen Wink des Schick­sals zu sehen.

Der Narr hat 2 Gesichter ©Aqua­marin und Königs­furt-Urania

Es war ein wenig wie mit seinem inzwi­schen recht bekannten Narren: Plötz­lich ergänzte eine Sicht – wenn auch erst noch unbe­holfen – die andere, stellte bis­he­rige Inter­pre­ta­tionen in Frage und bemühte sich den­noch, mit dem gegen­über­lie­genden Blick­winkel zu ver­schmelzen. Den beiden ver­schmol­zenen Gesich­tern begegnen wir dann in Röh­rigs wun­der­schöner Karte Gerech­tig­keit.

Auch der Engel besteht aus einer weib­li­chen und männ­li­chen Hälfte © Aqua­marin und Königs­furt-Urania

Ein Jahr später begannen wir gemeinsam ein Buch über das Deck zu schreiben, das wir ganz unab­hängig von­ein­ander als unser per­sön­li­ches Tarot­spiel des 21. Jahr­hun­derts ent­deckt hatten. Dies beson­ders wegen seiner gelun­genen modernen Syn­these der Tarots von Waite und Smith sowie Crowley und Harris, ergänzt durch zahl­reiche Anspie­lungen auf den Tarot de Mar­seille.

Es ent­stand ein Buch – und hier schlagen wir die Brücke vom Narren zu den per­fekt zusam­men­ge­wach­senen Gesichts­hälften des Engels auf dem Gericht – das unserer unter­schied­li­chen Deu­tungs­an­sätze, männ­li­cher und weib­li­cher Sicht­weisen zusam­men­führte. Genau so gehen wir schließ­lich auch bei unseren Aus­bil­dungen vor.

Wir betrachten dieses Buch, das im Königs­furt-Urania Verlag ver­legt wurde, als work in pro­gress, als ein Arbeits­buch, das seine Leser zu eigenen Ideen und neuen Gedan­ken­gängen anregen soll. Unsere Inter­pre­ta­tionen erheben keinen Anspruch auf All­ge­mein­gül­tig­keit. Schließ­lich schweigt sich der Schöpfer Carl-W. Röhrig über seine Karten aus. Somit sind wir alle, die wir uns mit seinem Deck beschäf­tigen, dazu auf­ge­for­dert, uns eine eigene Mei­nung über die Bedeu­tung der hoch inspi­rie­renden Bilder zu machen. 

Bil­der­schlüssel für unsere Zeit

Zunächst sei einmal darauf hin­ge­wiesen, dass die Bot­schaft des Tarot vor­der­gründig lautet, dass es Geheim­nisse des Lebens zu ergründen gibt. Nicht anders sind Tarot-Karten meiner Ansicht nach zu deuten. Mit Aber­glauben und Humbug hat das nichts zu tun.“ Carl-W. Röhrig

Der char­mante Magier aus dem Röhrig-Tarot ©Aqua­marin-Verlag

Wie bereits erwähnt, Carl-W. Röhrig redet nicht über seine Karten, son­dern lässt seine per­fek­tio­ni­stisch aus­ge­stal­teten Bil­der­welten spre­chen. Damit ist er in bester Gesell­schaft. Auch Arthur E. Waite tat dies 1909 mit seinem Bil­der­schlüssel zum Tarot. So gelang es dem Initiator des welt­weit bekann­te­sten Tarot­decks, Geheim­nisse der spi­ri­tu­ellen Ver­ei­ni­gung Golden Dawn (Orden der Gol­denen Mor­gen­röte) in seinen Karten ver­schlüs­selt dar­zu­stellen, ohne dabei sein Schwei­ge­ge­lübde zu ver­raten. Uns schenkten er und die Künst­lerin Pamela Colman-Smith dabei ganz nebenbei die bebil­derten Kleinen Arkana. Auch Alei­ster Crowley ließ dann etwa 30 Jahre später die Geheim­nisse seines Liber AL vel Legis (Das Buch der Gesetze), wenn auch wesent­lich expli­ziter als Waite, von Lady Frieda Harris zu spre­chender Kunst ver­ar­beiten.

Dass sich Röhrig bei seiner sehr ein­ge­henden Aus­ein­an­der­set­zung mit den Bedeu­tungen der 78 Karten und mit den Theo­rien seiner großen Vor­gänger von einer ebenso per­sön­li­chen Vision leiten lässt, ist offen­sicht­lich. Auch, dass er sich in den Großen Arkana sowohl an Crowley-Harris als auch an Waite-Smith stark ori­en­tiert und die beiden Decks immer wieder ver­mischt zitiert. Zusätz­liche Inspi­ra­tion erhält er durch den Tarot de Mar­seille.

Wie der Künstler bei der Aus­ar­bei­tung seiner modernen Arche­typen vor­ge­gangen sein könnte, lässt sich den Notiz­zet­teln ent­nehmen, die fast durch­gängig den Hin­ter­grund seiner Karten bilden. Bei­spiels­weise auf dem hier abge­bil­deten Magier. Diese Notizen sind mit seinen Gedanken, Skizzen (aus den Decks Waite-Smith, Crowley-Harris und Mar­seille) und Recher­chen zu den ein­zelnen Motiven ver­sehen und mit den vom Golden Dawn den ein­zelnen Karten zuge­teilten Stich­worten durch­woben. Bei näherer Aus­ein­an­der­set­zung mit diesen Zet­tel­frag­menten – teils zer­rissen, teils ange­sengt, teils sich ein­fach im Uni­versum auf­lö­send – tau­chen wir immer tiefer in die Gedan­ken­welt Röh­rigs ein und können an seinem künst­le­ri­schen Schaf­fens­pro­zess teil­haben: einer inspi­rie­renden Mani­fe­sta­tion des Wil­lens, wie wir sie in Form einer Super­nova so deut­lich auf seinem Magier ver­kör­pert sehen. 

Gleich­zeitig zeugen diese „Wort­fetzen“ auch davon, dass jede Beschäf­ti­gung mit dem Tarot – ob schöp­fe­risch oder inter­pre­ta­to­risch – immer nur sub­jektiv sein kann. Auch wenn wir uns durch das Ergebnis einer Legung der ewigen Wahr­heit noch so nahe fühlen mögen: Es wird uns nie gelingen, die eigenen Prä­gungen und Per­sön­lich­keits­struk­turen dabei hinter uns zu lassen. Gerade daran soll uns viel­leicht das Uni­versum erin­nern, das neben den Zet­teln auf fast allen Röhrig-Motiven im Hin­ter­grund durch­schim­mert. Seine Abwe­sen­heit auf man­chen Karten ist nahezu ver­dächtig, steht die Weite des Welt­alls doch nicht nur für die Ein­heit und Quelle allen Lebens, son­dern auch für die unend­li­chen Spiel­va­ri­anten der Wahr­heit hinter den Bil­dern. Es zählt eben nie nur eine Sicht­weise im ewig neu gemischten Spiel der Tarot­karten, in dem wir alle unsere ganz per­sön­liche Narren-Reise erleben können.

Unter dieser Prä­misse sollten wir mutig genug sein, auf die von Röhrig dar­ge­stellten Bedeu­tungen eigene Inter­pre­ta­tionen zu legen. Als Anre­gung hierfür stellen wir im Fol­genden unseren per­sön­li­chen Schlüssel zur Deu­tung einiger Grund­mo­tive des Decks vor.

Erklä­rung zu Röh­rigs Bil­der­schlüssel

Die hier auf­ge­führten Sym­bole erheben keinen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit.

Einige weniger oft ver­wen­dete Motive finden sich auch im Deu­tungs­teil dieses Buches.

 

Neben diesen Leit­mo­tiven, die sich übri­gens auch in vielen anderen Werk­zy­klen Röh­rigs finden, fallen auch ondere visu­elle Zusam­men­hänge auf: Auf vielen Karten arbeitet Röhrig mit einer Zwei­tei­lung des Bildes, viel­leicht, um auf die Dua­lität hin­zu­weisen, der wir in dieser Welt aus­ge­setzt sind. Dabei geht er nicht immer so offen­sicht­lich wie im Narren vor, wo er – wie bereits beschrieben – eine männ­liche Gesichts­hälfte recht grob­schlächtig an eine weib­liche fügt. Er schafft diese ver­ti­kale Tren­nung auch wesent­lich sub­tiler, zum Bei­spiel bei der Königin der Stäbe, die er mit einem nach innen und

Die subtil wir­kende Königin der Stäbe © Aqua­marin und Königs­furt-Urania

einem nach außen gerich­teten Auge dar­stellt.

Die Lie­benden aus dem Röhrig-Tarot © Aqua­marin und Königs­furt-Urania

Auch eine hori­zon­tale Zwei­tei­lung des Bildes fällt auf vielen Karten ins Auge. So sehen wir zum Bei­spiel auf Trumpf VI, Die Lie­benden, der eigent­lich von der lie­be­vollen Zusam­men­füh­rung männ­li­cher und weib­li­cher Ener­gien spricht, einen Riss quer durch das Bild klaffen. Oder nehmen wir den Tod, dessen eine dunkle Hälfte einen Toten­kopf zeigt, aus der in der anderen hellen Hälfte eine junge Frau zu wachsen scheint. Oder trägt sie den Schädel etwa in ihrem jungen Schoß aus?

Ein­her­ge­hend mit dieser Ein­tei­lung der Bilder in „vier Qua­dranten“ sollten wir auch immer den Schat­ten­wurf der ein­zelnen Motive berück­sich­tigen. Denn nicht nur der Teufel (hori­zon­tale Tei­lung) ist eine dia­bo­li­sche Figur. Ver­decken wir bei­spiels­weise die im Licht lie­gende Seite des Magiers, stellen wir schnell fest: Wo viel Hel­lig­keit ist, da ist auch viel Dunkel. Das umfasst alles, was wir bei den Themen einer Karte nicht sehen wollen oder können. Wir emp­fehlen sehr, mit allen 78 Karten das Expe­ri­ment des Abdeckens einer Hälfte – ob hori­zontal oder ver­tikal – zu wagen. Denn so ergeben sich span­nende neue Asso­zia­tionen und Denk­an­stöße.

Ein wei­terer wich­tiger Faktor, der eben­falls mit den Themen Dua­lität und Pola­rität in unserer heu­tigen Welt spielt, ist die Auf­tei­lung der Karten in solche, die wir mit dem „alten Europa“ und seinen klas­si­schen Werten ver­binden, und andere, die wir mit Ame­rika und den Themen der „Brave New World“ asso­zi­ieren. Das Trumpf­paar die Herr­scherin und der Herr­scher sind ein Para­de­bei­spiel hierfür.

Die Herr­scherin © Aqua­marin-Verlag

Der Herr­scher © Aqua­marin und Königs­furt-Urania

Wäh­rend der Herr­scher mit ein­deu­tigen Refe­renzen an das tra­di­ti­ons­be­wusste, vor­re­vo­lu­tio­näre fran­zö­si­sche Königs­haus gebunden wird, erkennen wir bei seiner Part­nerin zahl­reiche Anspie­lungen auf die USA. Die sich daraus erge­benden Inter­pre­ta­ti­ons­ebenen (zum Bei­spiel altes gegen neues Wissen oder Stan­des­denken gegen den Ame­rican Dream) für die Karten sind man­nig­faltig und sagen im Posi­tiven wie im Nega­tiven nicht nur viel über diese sehr aktu­ellen Arche­typen, son­dern auch über eine wich­tige gesell­schafts­ana­ly­ti­sche Funk­tion des Tarot in der Gegen­wart aus. Die Gegen­über­stel­lung der Farben Blau und Rot, wie sie spe­ziell beim Herr­scher­paar vor­liegt, ist ein wei­terer häufig auf­tre­tender Bil­der­schlüssel im Deck.

 

Übri­gens sym­bo­li­siert für Röhrig die Farbe Rot ursprüng­lichste Weib­lich­keit. Damit wären wir bei einem Thema, dass die Beur­teiler der Röhrig-Karten immer wieder pola­ri­siert: Zumeist Frauen stören sich gern an der Schwäche des Künst­lers für weib­liche Run­dungen – beson­ders für bloße Brüste – und die Dar­stel­lung unver­hoh­lener sexu­eller Phan­ta­sien, wie zum Bei­spiel auf dem Prinz der Kelche. Doch abge­sehen davon, dass die Dar­stel­lung weib­li­cher Nackt­heit in der Kunst jahr­hun­dert­lange Tra­di­tion genießt, befindet sich Röhrig mit seinen sexu­ellen Anspie­lungen in guter Gesell­schaft. Weist doch eines seiner Vor­bilder, der Thoth-Tarot von Crowley und Harris, sehr ein­deutig auf Geschlechts­teile und -akte hin. Gerade bei der Arbeit mit männ­li­chen und weib­li­chen Rat­su­chenden hat sich für uns erwiesen, dass diese Direkt­heit eher

Der Prinz der Kelche hat viel im Kopf © Aqua­marin und Königs­furt-Urania

anspricht als abstößt.

Wie das Deck in einer Bera­tung wirkt, kannst du in einigen Arti­keln von mir nach­lesen, bei­spiels­weise hier:

Früh­jahrs­putz

Gefühl und Ver­stand

Die kleine Meer­jung­frau

 

 

Autor: Tarotwissen

I have been working with Tarot and Astrology for many years full-time and self-employed, teaching and counceling. I am also publishing books and articles about spiritual subjects. My main focus is: How to use ancient disciplines in our modern times. Since 2013 I have been president of the German Tarot Association: Tarot e.V. (www.tarotverband.de)