Tarotwissen

Orakel, Astrologie, Symbole

Der Hierophant 
 — an der Schwelle zum Unbekannten

Aktua­li­siert

Nicht nur für Tarot-Ein­steiger, auch für erfah­rene Deuter nimmt sich die kon­krete Aus­sage von Trumpf V in Legungen häufig wie ein Buch mit sieben Sie­geln aus, ebenso schwer ent­schlüs­selbar wie sein rät­sel­hafter Titel „Der Hiero­phant“. Eigent­lich nicht wirk­lich ver­wun­der­lich, denn dieses für­wahr Große Arkanum (lat. Geheimnis) droht damit, uns aus unserer mate­ri­ellen Sicher­heit, aus dem ruhigen, wohl geord­neten Reich des Herr­schers zu zerren, hinein in einen vibrie­renden Kosmos, in dem wir Eigen­ver­ant­wor­tung über­nehmen und uns von ein­ge­trich­terten Weis­heiten, die nicht unsere eigenen sind, ver­ab­schieden sollen. Viel­leicht gezwungen werden könnten, einen Schritt Rich­tung Erwachsen werden machen zu müssen.

Aufbruch ins Unbekannte

Der Hiero­phant aus dem Waite-Smith Tarot (© www.koenigsfurt-urania.de) und die 5er der kleinen Arkana.

Das kann uns bequeme Wie­der­käuer schon mal ordent­lich aus dem Gleich­ge­wicht bringen und uns auf Nicht-Ver­stehen einer Kar­ten­be­deu­tung schalten lassen. Wer begibt sich schon wirk­lich gern frei­willig aus gewohnten Gege­ben­heiten, selbst wenn diese irgendwie unbe­frie­di­gend sind? Wer lässt ohne Wehmut Altes und Wohl­be­kanntes hinter sich, um es gegen Neues und Fremdes ein­zu­tau­schen und sei das auch noch so viel ver­spre­chen? Doch genau dazu drängt uns der Hiero­phant. Er for­dert uns auf, zu unserer ganz per­sön­li­chen Grals­suche auf­zu­bre­chen. Und das ohne jede Garantie, jemals das zu finden, was wir uns als Ziel unserer Reise ersehnen: Die Inte­gra­tion des Gött­li­chen Prin­zips in uns und in die Welt.

Die aus dieser eigent­lich doch so posi­tiven Auf­bruchs­stim­mung resul­tie­rende innere Unruhe, die Kon­fu­sion, die Ver­lustangst, die Trauer und das Chaos, mit denen sich Fra­gende aus­ein­ander setzen müssen, wenn sie vom Hiero­phanten meist unsanft wach gesch­upst werden (und er kann sich mit seinem Weckruf meiner Erfah­rung nach pha­sen­weise als äußerst pene­trant erweisen – so zog ich zu Beginn meiner Kar­ten­lauf­bahn fast täg­lich diesen sich mir ein­fach nicht erschlie­ßenden Trumpf, bis ich kurz davor war, mein Deck aus dem Fen­ster zu werfen.), spie­gelt sich her­vor­ra­gend in den Kleinen Arkana wieder. Zwar wird der Trumpf selbst in der Lite­ratur immer wieder und sicher­lich auch völlig richtig mit hoff­nungs­frohen Schlag­worten wie „Ver­trauen“, „Inspi­ra­tion“, „Seg­nung“, „Ein­wei­hung“ und „Glauben“ in Ver­bin­dung gebracht, doch wirkt sich die Fünfer-Energie in den Zah­len­karten – die ja eher für all­täg­liche Ereig­nisse und die Aus­le­bung der kol­lek­tiven Trumpf-Arche­typen in unserem indi­vi­du­ellen Leben stehen – durchweg düster aus. Dies zeigt bereits ein Blick auf die Unter­titel (nach Golden Dawn) der Fünfer: „Ent­täu­schung“ (5 Kelche), „Mangel“, (5 Münzen), „Nie­der­lage“ (5 Schwerter) spre­chen wohl eine ein­deu­tige Sprache und selbst „Streben“ (5 Stäbe) weist auf eine ziem­liche Ver­un­si­che­rung des sonst so Instinkt sicheren Feu­er­ele­mentes hin. Ver­trauen und Glauben – gut und schön, doch die täg­liche Umset­zung will eben gelernt sein.

Ein „Hiero­phant“ ist wört­lich über­setzt jemand, „der Hei­liges lehrt“. Als sol­ches wurden im antiken Grie­chen­land die Hohe­prie­ster (ein wei­terer Titel dieser Karte – z.B. bei der deut­schen Ver­sion des Thoth-Decks von Crowley und Harris) bezeichnet, die den Eleu­si­ni­schen Myste­rien, der Frucht­bar­keits-Göttin Demeter geweiht, vor­standen. Ihre Auf­gabe war es, nach Erkenntnis stre­bende Schüler durch die ver­schie­denen Stufen einer anspruchs­vollen Ein­wei­hung hin zur Initia­tion zu geleiten, ihre Seelen indi­vi­duell zu schulen und zu ver­voll­kommnen. „Erzie­hung“ und „Dis­zi­plin“ sind denn auch wei­tere Stich­wörter für diesen Trumpf. Er dient uns Men­schen als spi­ri­tu­eller Tutor, als Guru, der es ver­steht, im geheim­nis­vollen Buch seines weib­li­chen Gegen­stücks, der Hohe­prie­sterin, zu lesen und ihre immer wäh­renden Wahr­heiten mit männ­li­chem Logos seinen Anhän­gern mund­ge­recht für die jewei­lige Zeit zu ver­mit­teln. Diese wich­tige Funk­tion finden wir in zwei der so genannten klas­si­schen Decks, dem Mar­seiller Tarot und dem Waites, ver­sinn­bild­licht.

Hier sind zum ersten Mal (nach den Trümpfen Magier, Hohe­prie­sterin, Herr­scherin, Herr­scher) mehr als eine Person auf der Karte zu erkennen: Dem Papst (Mar­seille), respek­tive dem Hiero­phanten (Waite-Smith) sind zwei Schüler unter­stellt, denen er Trost spendet und myste­riöse Nach­richten aus höheren Sphären (bei Waite, der in seinem Deck ein äußerst posi­tives Bild dieses reli­giösen Ober­hauptes ent­wirft, sehr schön dar­ge­stellt durch die gen Himmel gerich­teten Arme, die seg­nende Geste wie auch die zwei geheim­nis­vollen Schlüssel zu seinen Füßen) über­mit­telt und über­setzt. Für diese Fähig­keit und ihre ethisch kor­rekte Anwen­dung ver­dient der Pon­tifex (lat. Brücken­bauer) unsere hohe Aner­ken­nung. So sind denn auch seine Schüler als ihm hier­ar­chisch unter­ge­ordnet, in anbe­tender Hal­tung dar­ge­stellt. Doch muss der Hiero­phant uns immer im Außen begegnen? Kann er nicht viel­mehr auch eine innerer geheime Stimme sein, die uns unsere ganz per­sön­li­chen Wahr­heiten, die mit dem Kol­lektiv nicht immer kon­form gehen müssen, erkennen lässt?
Viel­leicht ver­lei­tete eben diese Tat­sache, dass eine geführte Sinn­suche damals wie heute ein­fach Raum für die völlig unter­schied­li­chen Ent­wick­lungs­wege eines jeden Men­schen lassen sollte, den fran­zö­si­schen Okkul­ti­sten Court de Gébelin im vor­re­vo­lu­tio­nären Paris dazu, Trumpf V diesen eher unbe­kannten und daher unbe­la­steten Titel zuzu­ordnen. Denn vorher war die Karte zumeist unter dem für unsere Brei­ten­grade doch reich­lich stig­ma­ti­sierten Begriff „Papst“ bekannt gewesen – jene über­di­men­sio­nale Vater­fi­guren (Papst von Pater = Vater), dessen unab­än­der­li­chen Lehren und Gesetzen sich das Indi­vi­duum zum Wohle des Kol­lek­tives spi­ri­tuell unter­zu­ordnen hat. Hier genau erkennen wir die Schat­ten­seite und den Fall­strick des spi­ri­tu­ellen Lehr­mei­sters: Dogma gepaart mit Hochmut – eine Kom­bi­na­tion, die jede auch noch so viel ver­spre­chende reli­giöse Orga­ni­sa­tion (ob die Kirche des Anci­enne Regime, heu­tige Sekten oder sicher auch die Eleu­si­ni­schen Myste­rien) im Laufe der Zeit ver­stei­nert, aus­höhlt und kor­rum­piert. Wie so ein spi­ri­tu­eller Ver­fall aus­sehen kann, erahnen wir, wenn wir Crow­leys Hohe­prie­ster ein­ge­hend betrachten. Dieser prä­sen­tiert sich uns mas­ken­haft und leicht dia­bo­lisch grin­send zwi­schen den wie ein­ge­froren wir­kenden Ele­menten. Doch wächst in seiner Brust bereits der Führer in ein neues Zeit­alter heran.

Eine eben­solche Erstar­rung bahnte sich in der Renais­sance, die Zeit in der der Tarot wahr­schein­lich ent­stand und die Num­me­rie­rung der 22 Großen Arkana sich all­mäh­lich festigte, immer stärker an. Damals kniete im christ­li­chen Europa sogar der all­mäch­tige Kaiser vor dem durchaus welt­lich ambi­tio­nierten und mili­tä­risch streit­lu­stigen Papst. Die Zeiten haben sich geän­dert. Doch selbst wenn wir heute – jeden­falls in Europa – zumeist nicht mehr gezwungen werden, uns einem reli­giösen Dogma zu unter­werfen, heißt das nicht, dass wir nicht wei­terhin ähn­li­chem Druck aus­ge­setzt sind. Folgen wir näm­lich unserer inneren Stimme und beschließen, uns einer Sinn­suche zu ver­schreiben, ist dies für unser Umfeld – seien es die Kol­legen auf der Arbeit, die Familie oder der Freun­des­kreis – oft weder mora­lisch noch kon­ven­tio­nell nach­voll­ziehbar. Und so kann der stei­nige Weg zu indi­vi­du­eller Erkenntnis neben den per­sön­li­chen Zwei­feln wei­terhin mit Ver­lust wich­tiger Kon­takte und Aus­ein­an­der­set­zung mit Vor­ur­teilen ver­bunden sein.

Den­noch – damals wie heute gilt: Trumpf IV muss sich Trumpf V beugen. Keine mate­ri­elle Macht steht über Gottes Stell­ver­treter auf Erden, wenn er uns ruft. Nur die alles ver­ei­ni­gende Liebe, Arkanum VI, kann ihn über­trumpfen, denn in ihr spüren wir end­lich die Ant­worten auf die durch den Hohe­prie­ster auf­ge­wor­fenen Themen: Was ver­bindet uns Men­schen mit­ein­ander? Was macht einen jeden und eine jede von uns ein­zig­artig? Und warum sind wir hier?

Doch noch einmal zurück zur Fünf, der Zahl des Hiero­phanten, bezeich­nender Weise zumeist dar­ge­stellt durch ein Energie gela­denes Pen­ta­gramm. Nume­ro­lo­gisch gesehen sprengt die Fünf das starre Qua­drat der Vier. Die mate­ri­ellen Ele­mente (Erde, Feuer, Luft, Wasser) werden durch das Gött­liche, durch Spi­ri­tua­lität belebt. Somit reprä­sen­tiert die Fünf die Essenz allen Lebens – eben jene Quint­essenz, die den Tarot­kun­digen unter uns bestens bekannt ist als die Quer­summe (Addie­rung aller Zahlen einer Aus­lage und erneutes Her­un­ter­rechnen der sich erge­benden Summe bis eine Zahl von 1–22 ent­standen ist) einer Legung. Wird diese richtig gedeutet, fasst sie die Ant­wort des Tarot auf unsere jewei­lige Frage in einer ein­zigen Karte prä­zise zusammen und ver­tieft die Aus­sage um einen wesent­li­chen Aspekt.
Über­tragen wir diese Sym­bolik und nume­ro­lo­gi­sche Energie des Hiero­phanten auf das alt­täg­liche Leben, so können wir sagen: Wir begegnen ihm immer dann, wenn wir unsere welt­li­chen Dinge geordnet haben und uns in Sicher­heit wiegen, end­lich ange­kommen zu sein. In diesen Momenten haben wir Zeit und Ruhe, unserer inneren, nie schwei­genden Stimme nach Wei­ter­ent­wick­lung und Sinn­fin­dung nach­zu­lau­schen. Uns vom ober­fläch­li­chen Alltag in die Tiefen der Seele zu bewegen.

Ob uns das, was wir bei dem Abstieg in uns selbst finden, dann dazu inspi­riert, mit waa­ge­mu­tiger Aben­teu­er­lust ins Unbe­kannte auf­zu­bre­chen oder wir lieber wieder ängst­lich in unsere schüt­zende Vierer-Struktur zurück schlüpfen, das bleibt uns erst Mal selbst über­lassen. Wer jedoch den Ruf des Hiero­phanten einmal wirk­lich ver­nommen hat, wird sich schwer von ihm wieder frei machen können. Früher oder später werden wir wohl lernen müssen, auf ihn zu ver­trauen.

© Kir­sten Buch­holzer, 2007

Autor: Tarotwissen

I have been working with Tarot and Astrology for many years full-time and self-employed, teaching and counceling. I am also publishing books and articles about spiritual subjects. My main focus is: How to use ancient disciplines in our modern times. Since 2013 I have been president of the German Tarot Association: Tarot e.V. (www.tarotverband.de)

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