Mantikerin

Orakel, Astrologie, Symbole

Die „Zigeuner“-Auslage — Alleskönner Tarotlegung

Heute möchte ich euch meine abso­lute Lieb­lings-Legung vor­stellen. Ich benutze sie beson­ders gern bei Men­schen, die zu einer Bera­tung kommen und „erst mal so“ wissen wollen. Diese Men­schen sind zumeist vom miss­traui­schen Typus — sie wollen nichts von sich preis­geben, bevor sie nicht meinen, dass ich mein Hand­werk ver­stehe. Ehe ich mich mit ihnen rum­streite und ihnen erkläre, dass eine unprä­zise Frage nur eine unprä­zise Ant­wort erhält, greife ich doch ein­fach zu diesem Lege­sy­stem. Es hat bisher immer seinen Zweck erfüllt. Nachdem ich anhand von elf Karten eine Stand­ort­be­stim­mung gemacht habe, kamen vom Gegen­über deut­liche Fra­ge­stel­lungen. Die Legung heißt leider immer noch „Zigeuner“-Legung.

Seit Jahr­hun­derten „erfreuen“ sich die Roma und Sinti – obwohl anson­sten gefürchtet, dis­kri­mi­niert und geächtet – des mysti­schen Rufs, ein fah­rendes Volk von Wahr­sa­gern und Schick­sals­ex­perten zu sein. Auch in unserem soge­nannten auf­ge­klärten, dem Orakel gegen­über ten­den­ziell hoch skep­tisch ein­ge­stellten und psy­cho­lo­gisch ori­en­tieren Zeit­alter ist das nicht anders. Der abfäl­lige, von den Roma und Sinti nicht ein­ge­führte oder akzep­tiert, Name „Zigeuner“ ist und bleibt in dieser Hin­sicht für die Bür­gers­welt ebenso magisch wie wer­be­wirksam. Auch die hier vor­ge­stellte Legung, ent­worfen von Astro­login und Kar­ten­ex­pertin Renate Anraths, spielt mit dieser Tat­sache. Viel­leicht wurde die Legung auch so getauft, weil sie beson­ders gut für Zustands- und Ent­wick­lungs­ana­lysen ohne kon­krete Fra­ge­stel­lung an die Karten geeignet ist.

Diese Form des Wahr­sa­gens ist meines Erach­tens nach nicht sehr sinn­voll. Sie geben ein­fach bes­sere Ant­worten geben, je direkter ein Thema hin­ter­fragt wird. Doch nutze ich sie wie ein­gangs beschriebe sehr gern, um dem Kar­ten­legen gegen­über kri­tisch ein­ge­stellte Men­schen, die bei einer Bera­tung erst einmal nichts zu ihrem Anliegen sagen wollen, auf­zu­lockern. Denn die Legung beleuchtet Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft sehr ein­drück­lich und ver­hilft so zu Infor­ma­tionen, die den gegen­wär­tigen Zustand der fra­genden Person prä­zise wie­der­geben, ohne dass diese viel über sich preis­geben muss. Selbst­ver­ständ­lich ist diese Legung jedoch auch für spe­zi­fi­zierte Fragen geeignet, die sie aus­führ­lich beant­worten kann.
Der Aufbau der Legung ist wie folgt. Dabei ist anzu­merken, dass ver­schie­dene Ver­sionen von ihr exi­stieren. Die hier wie­der­ge­ge­bene findet sich in Anraths‘ sehr zu emp­feh­lenden Buch Tarot. Dem Leben in die Karten schauen.

Aus­la­ge­sy­stem „Zigeuner“ nach Renate Anraths

Aus­gangs­punkt ist das tat­säch­liche Haupt­an­liegen der fra­genden Person (Posi­tion 1). Die drei dar­un­ter­lie­genden hori­zon­talen Reihen beschreiben dann die Ent­wick­lung des Themas in der Ver­gan­gen­heit (Posi­tionen 2–4), der Gegen­wart (Posi­tionen 5–7) und der Zukunft (Posi­tionen 6–9). Ver­tikal schil­dern die drei Reihen die Ein­stel­lung der Fra­genden auf der bewussten (Posi­tionen 2, 5 und 6) und der unbe­wussten (Posi­tionen 4, 7 und 10) Ebene sowie den tat­säch­li­chen Ereig­nis­ver­lauf (Posi­tionen 3, 6 und 9). Dabei ist der Karte auf Posi­tion 6, dem tat­säch­li­chen Geschehen in der Gegen­wart, bei der Inter­pre­ta­tion beson­dere Bedeu­tung bei­zu­messen. Posi­tion 11 stellt einen zusätz­li­chen zu berück­sich­ti­genden Faktor in der Gegen­wart dar, der meiner Erfah­rung nach oft auch ein Impuls von Außen sein kann.

Fol­gendes Bei­spiel soll die Zigeu­ner­le­gung prak­tisch erläu­tern:

Daniela beschäf­tigt sich schon seit län­gerem mit Scha­ma­nismus und übt sich regel­mäßig in einer Gruppe im Scha­ma­ni­schen Reisen. Sie ist fru­striert, weil sie diese Reisen nicht visua­li­sieren, son­dern die Erleb­nisse nur erfühlen kann. Sie möchte wissen, warum dies so ist und was sie tun kann, um – wie die andern Grup­pen­mit­glieder – klare Bilder zu emp­fangen. Für die Beant­wor­tung der Frage ent­schlossen wir uns, mit dem Thoth-Deck zu arbeiten. Natür­lich kann man jede Tarot- oder Ora­kel­karten ver­wenden.

Bei­spiel­legung mit dem Thoth Tarot der „Zigeuner”-Auslage von Renate Anraths

Ein erster Blick auf die Aus­lage ergibt, dass das Pro­blem für Daniela, wenn auch irri­tie­rend, der­zeit wohl nicht von aller­größter Wich­tig­keit (nur 2 Große Arkana) ist. Asse und Hof­karten ver­schie­dener Ele­mente deuten darauf hin, dass sie noch am Anfang ihrer Ent­wick­lung in dieser Rei­se­the­matik ist und sich der Wandel viel­leicht auch ohne große Mühen und Druck ein­stellen könnte. Da es hier um ein „Nicht-sehen-können“ geht, bietet sich als näch­ster Inter­pre­ta­ti­ons­schritt an, die Kar­ten­bilder auf sich wirken zu lassen. Hierbei ver­kör­pern die Karten in der Zukunfts­reihe (7 Kelche, 5 Stäbe und 5 Schwerter) nach Daniela Ein­schät­zung nicht unbe­dingt Traum­er­geb­nisse. Doch wirkt das klare Gelb der 5 Stäbe sehr ziel­ge­richtet und stark im Ver­gleich zu den mei­sten anderen, farb­lich eher diffus wir­kenden Karten in der Aus­lage. Es macht ein wenig den Ein­druck, als ob die pola­ri­sie­rende Spal­tung zwi­schen Farben des Feuers (As und Ritter der Stäbe) und der Luft (Prinz der Schwerter) in der Ver­gan­gen­heits­reihe durch die erdigen Töne in der Gegen­warts­linie (Der Turm, As der Kelche, Prin­zessin der Münzen und Lust) bunt durch­mischt und dann in der letzten Reihe klar aus­ba­lan­ciert wird.

In der genaueren Ana­lyse fällt der Prinz der Stäbe als Thema der Legung als sehr tref­fend auf: Schließ­lich wird der junge Prinz (mit dem sich Crowley übri­gens stark iden­ti­fi­zierte und der wie auch die Ergeb­nis­karte 5 Stäbe sein per­sön­li­ches Siegel trägt) in Yoga­hal­tung dar­ge­stellt und von einem aus­drucks­starken Löwen, einem wirk­li­chen Kraft­tier, auf seinem Wagen gezogen. Ein her­vor­ra­gendes Symbol für Daniela auf ihren scha­ma­ni­schen Reisen. Gleich­zeitig erweckt der schil­lernde Prinz den Ein­druck, mit Stil zu unter­wegs zu sein. Wie pas­send, wenn man gedenkt, dass Daniela selbst in der Vor­be­spre­chung hatte ver­lauten lassen, sie wolle die Reisen end­lich „erster“ Klasse antreten.

Auch auf anderen Karten spielt das Thema Reisen eine Rolle, beson­ders in der Ver­gan­gen­heits­reihe. Hier ver­mit­teln das As der Schwerter und der Ritter der Stäbe feu­rige Auf­bruchs­stim­mung. Die Fackel des Wol­lens ist ent­zündet (Quint­essenz dieser Reihe ist Trumpf I, Der Magier), der Ritter bäumt sich auf in den Start­lö­chern (getragen von einem wei­teren Kraft­tier, dem Pferd), doch der Gedanke, ver­kör­pert durch den Prinz der Schwerter, hält die Energie irgendwie auf. Sehr schön ist hier an den drei win­zigen Prinz­klonen zu sehen, wie Daniela sich bisher mental offen­sicht­lich nicht genug foku­siert oder sogar ver­rannt hat. Auch scheint das unge­dul­dige Bedürfnis, end­lich etwas zu sehen, sie bisher dazu ver­leitet zu haben, die Reisen mehr vom eigenen Ver­stand als vom eigenen Kraft­tier steuern zu lassen (auch ersicht­lich durch die eher „männ­lich“ bestimmten Karten in dieser Reihe). Diesem Tier auf den Reisen die Füh­rung stärker anzu­ver­trauen, scheint eine von Danielas Auf­gaben zu sein.

Die Gegen­wart macht mit dem zen­tral lie­genden As der Kelche und der ruhig abwar­tenden Prin­zessin der Scheiben im Unbe­wussten einen nicht minder ener­gi­schen, aber doch weniger ange­strengten Ein­druck. „In der Ruhe liegt die Kraft“ scheinen diese beiden Karten zu sagen. Sie for­dern Daniela auf, sich der Fülle der eigenen Ein­drücke und Gefühle hin­zu­geben und in sie ein­zu­tau­chen, anstatt die genaue Art der Reise auf Biegen und Bre­chen nach „Prinz der Schwerter Manier“ bestimmen zu wollen. Der Turm, Trumpf XVI, im bewussten Wahr­nehmen, weist darauf hin, dass Daniela inzwi­schen auch ver­standen hat, dass sie das Visua­li­sieren nicht wirk­lich erzwingen kann und die Mauern oder Blockaden, eher durch das Fließen lassen von Ener­gien als durch Ver­stan­des­schlachten zum Ein­sturz kommen. Neben der Grund­stein legenden Prin­zessin der Scheiben findet sich in dieser Reihe als zusätz­li­cher Faktor auch die Karte Lust, Trump XI. Abge­sehen davon, dass sich durch diese beiden sehr erd­be­tonten und sinn­li­chen Damen Danielas innere Ein­stel­lung dem Thema gegen­über all­mäh­lich von einer männ­li­chen (Prinz und Ritter in der Ver­gan­gen­heit) in eine femi­nine zu wan­deln scheint, ist es span­nend, die Hal­tung des Schar­lach­weibs auf der Lust mit der des Rit­ters der Stäbe zu ver­glei­chen. Beide halten ihr jewei­liges Kraft­tier noch am Zügel. Aber wäh­rend der Ritter mit seiner bren­nenden Fackel eine Rich­tung vor­gibt, scheint sich die Lust­frau zurück­zu­lehnen und den Trip auf ihrem Biest ein­fach richtig zu genießen. Die „Super­nova“, die dabei in ihren Händen explo­diert, erin­nert nicht nur an das As der Kelche im Mit­tel­punkt der Legung, son­dern auch an Trumpf X, Glück. Diese Karte ist sowohl Quint­essenz der gesamten Legung als auch der Gegen­warts­reihe, was nahe legt, dass Wandel und Durch­bruch nicht mehr in all zu weiter Ferne liegen. Sie scheinen gerade jetzt durch Genuss mög­lich. Nach diesen sehr starken Ener­gien, die die Gegen­wart bestimmen, wirkt die Zukunfts­reihe mit den etwas unspek­ta­ku­lären Zahl­karten wie ein Anti­klimax, auch wenn die 7 und die 5, gestützt von den Ener­gien der Trümpfe Wagen und Hiero­phant, auf die Mög­lich­keit spi­ri­tu­ellen Auf­bruchs schließen lassen.

Dieser Ener­gie­ab­fall liegt sicher u.a. daran, dass der der­zei­tige Neu­be­ginn und die Umori­en­tie­rung erst wirk­lich in Danielas Bewusst­sein sickern müssen. Jeden­falls erweckt die 7 Kelche, die hier das bewusste Ablegen von Illu­sionen über das Wie und Warum einer scha­ma­ni­schen Reise sym­bo­li­sieren könnte, diesen Ein­druck. Und auch Danielas Unter­be­wusst­sein muss die Nie­der­lage bis­he­riger gedank­li­cher Sche­mata erleiden, um sich selbst neu „pro­gram­mieren“ zu können. Das wil­lens­starke Son­nen­gelb der 5 Stäbe, die Karte der tat­säch­li­chen zukünf­tigen Ent­wick­lung, wollte übri­gens schon hinter den unbe­hauenen Bäumen der Prin­zessin der Scheiben unge­zü­gelt her­vor­bre­chen. Doch erst gebün­delt und gebän­digt durch die auf der Ergeb­nis­karte dar­ge­stellten macht­vollen magi­schen Zei­chen (wir finden hier u.a. das alt­ägyp­ti­sche Symbol des herr­schaft­li­chen Uräus und das des erneu­ernden Phönix) scheint eine bal­dige Umset­zung von Danielas Wunsch gegeben zu sein. Hin­gabe und Emp­fängnis der eigenen Vision und Füh­rung durch das Kraft­tier sind dabei wich­tige Schlüs­sel­worte. Die Quint­essenz der Zukunfts­reihe, Trumpf XVII, der Stern, lässt in jedem Falle darauf hoffen, dass Daniela nicht mehr lange blind durch die scha­ma­ni­schen Land­schaften reisen wird.

Autor: Tarotwissen

I have been working with Tarot and Astrology for many years full-time and self-employed, teaching and counceling. I am also publishing books and articles about spiritual subjects. My main focus is: How to use ancient disciplines in our modern times. Since 2013 I have been president of the German Tarot Association: Tarot e.V. (www.tarotverband.de)

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