Tarotwissen

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Taler, Taler, du musst wandern …Im Tarot steht die Zehn der Münzen für Reichtum, Stabilität und Sorglosigkeit

Taler, Taler, du musst wandern,
Von dem einen zu dem andern,
Das ist herrlich, das ist schön.
Taler lass dich nur nicht seh‘n.
(dt. Volksweise, 19. Jhd).

Ist es wirklich schon so weit? Ja, tatsächlich! Weihnachten steht wieder vor der Tür, Christkinds Geburtstag und somit die Zeit des Jahres, in der Familiensinn und die Zusammenkunft der Generationen noch großgeschrieben werden. So bietet sich als Tarot-Karte des Dezembers natürlich besonders die Zehn der Münzen an, die traditionell als »Familienkarte« betrachtet wird. Aber auch den Nichtchristen unter uns kann dieses Kleine Arkanum als Symbol des Yule-Fests gelten, das auch heute noch vieler Orts zur Wintersonnenwende am 21. Dezember begangen wird.

Schließlich korrespondiert die Zehn numerologisch mit den Energien des Trumpfs Rad des Schicksals und befasst sich so mit Wandlung, großer Umkehr und Wiederaufstieg. Eben genau wie Yule, das bereits lange vor Jesus‘ Zeiten der Geburt des Lichts in der dunkelsten Nacht des Jahres gedachte. Und noch ein weiterer Aspekt verbindet den »Herrn des Reichtums« – wie der Golden Dawn diese Karte nannte – mit der feierlich-dunklen Jahreszeit: Die Okkultisten des 19. Jahrhunderts stellten sie nämlich ins Zeichen der Nächstenliebe und sahen in ihr eine Aufforderung, erschaffenen oder ererbten Wohlstand mit weniger glücklichen Menschen zu teilen, damit er immer weiter gedeihen kann. Nur im Umlauf befindliche Münzen waren für sie eine wertvolle Währung. Dies magische Gesetz hat auch heute nichts von seiner Kraft verloren. Viele unter uns erinnern sich wenigstens zur Weihnachtszeit daran.

Die 10 Scheiben stehen für Freud und Leid desReichtums (Die Zehn Scheiben aus dem Röhrig-Deck ©Aquamarin Verlag)

Wie es aussehen kann, wenn wir das jedoch nicht tun und stattdessen an unseren Vermögenswerten festkleben, illustriert Künstler Pablo Röhrig eingängig in seiner Version der Zehn der Scheiben. Im Vordergrund sehen wir eine kreisrunde Ansammlung diverser glitzernder Objekte, die an den Diebesschatz einer Elster oder an den unrechtmäßig erworbenen Schatz des legendären Drachen-Riesen Fafner erinnern. Ein Bild, das trotz allen Reichtums düster und klaustrophobisch wirkt. Nur hinter der Kugelmauer (die das Sprichwort »My home is my castle!« umzusetzen scheint) ist die Karte in helles Licht getaucht. Es locken offene Ferne und Freiheit, gleich einem Aufruf, die schützenden und doch einengenden Mauern niederzureißen und mit anderen die angehäuften Kostbarkeiten zu teilen, damit aus dem beschützten Heim kein Gefängnis wird.

Auch die Interpretation von Arthur Waite und Pamela Colman-Smith spielt auf diese Gefahr an, selbst wenn die Karte auf den ersten Blick hell und gesellig wirkt. Schließlich ist das Schließlich ist das lebendige Motiv auch eine Umsetzung von Waites traditionell-divinatorischen Stichworten »Familienangelegenheiten«, »Gewinn«, »Reichtum«, »Familiendomizil« und somit eigentlich von erdiger Bodenständigkeit geprägt. Doch, wie Rachel Pollack in ihrem Klassiker 78 Säulen der Weisheit bemerkt, scheint die hier dargestellte Familie – anders als auf der ansonsten ähnlichen Zehn der Kelche – die soliden Annehmlichkeiten familiärer Geborgenheit als selbstverständlich hinzunehmen. Ob sie diese aber auf ewig halten können, ist gänzlich ungewiss. So jedenfalls deute ich den sich im Hintergrund erhebenden »Wolkenkratzer«, der auf Trumpf Der Turm und somit darauf verweist, dass alles, was als beständig und sicher angesehen wird, jederzeit einstürzen kann, wenn es nicht immer wieder auf Sinnhaftigkeit hinterfragt wird. Das Symbol möglicher Dekadenz wird im strahlenden Sonnenschein von der versammelten Familie allerdings ebenso wenig bemerkt, wie die magischen Zeichen, die nahe dem Torbogen in den bürgerlichen Alltag drängen.

Wer den eigenen Wohlstand nicht bewegt, vermehrt ihn nicht. (Die 10 Münzen im Borderless Smith-Waite Tarot, public domain)

Da wäre z.B. die Waage, die das Mauerwerk im Vordergrund schmückt und auf den Trumpf Gerechtigkeit samt der Botschaft »Du kriegst, was du verdienst« verweist; der Zauberstab, den wohl ein Magier oder Eremit daneben angelehnt hat; die ebenfalls auf der Mauer befindlichen Burgen, die von Heldenreisen und Abenteuern sprechen, und natürlich der alte Mann, der – gekleidet in das bunte Reisegewand der keltischen Barden – Rast auf seiner Reise macht. Ist das etwas der Eremit, Trumpf IX? Oder hat sich Waite mit der Figur dieses Dichters und Sängers ein Denkmal gesetzt? Sein Wappen jedenfalls, ein verschnörkeltes »W«, dominiert den Mantel des alten Mannes.

Passend, denn wo Waite besonders mit seinen Münzkarten darum bemüht ist, den Alltag zu beseelen, versucht der Barde, das Familienleben durch seine mystischen Lieder zu bereichern. Doch noch sitzt er unbemerkt in der Dunkelheit nahe dem Tor, das in Träumen und Märchen oft für eine mögliche Verbindung zwischen zwei Welten steht. Wie dieser mysteriöse Gast vom Paar – einmal auf ihn aufmerksam geworden – empfangen wird, und inwieweit die beiden ihm erlauben, ihr Leben zu verändern – davon hängt wie in so vielen Mythen und Märchen ihr weiteres Schicksal ab. Lassen sie magische Elemente in ihr Alltagsleben und öffnen sich somit dem Unbekannten und neuen Bewusstseinsebenen? Oder sperren sie diese Themen lieber aus und leben immer mehr in einer Welt, die nur aus Fakten und fassbarem Pragmatismus besteht?

Weniger parabelhaft drückt Crowley-HarrisZehn der Scheiben ähnliche Überlegungen aus: Vor einem in spirituellem Violett gehaltenen Hintergrund sind zehn gelbe Münzen in Form des kabbalistischen Baum des Lebens angeordnet. Dieses Motiv verbindet die Darstellungen der beiden Tarot-Klassiker miteinander und zeigt, dass sowohl Waite als auch Crowley diese letzte Karte im Tarotspiel ganz im Sinne der Lehren des Golden Dawn als Ausdruck von Malkuth sahen, der untersten und materiellsten Lebensbaum-Sephirah und somit das irdische Königreich der Kabbalisten. Was Waite in Bildersprache umsetzen lässt, drückt der Thoth Tarot durch die übergroße unterste Münze im Baum aus, die zusätzlich von zwei verschatteten Münzen im Hintergrund umrahmt wird. Diese münzstarke Darstellung macht den Lebensbaum gleichzeitig zum Geldbaum, und auch – wie Johannes Fiebig im Arbeitsbuch zum Crowley Tarot findet – zum Stammbaum, der dazu auffordert, das Wirken verschiedener Generationen zu einem großen Ganzen zu verbinden.

Doch auch dafür wäre Wandlung nötig. Denn in seinem Buch Thoth sieht Crowley die Zehn der Scheiben als eine Energie größter und letzter Verdichtung, in der die ursprüngliche Kraft des Tarot, symbolisiert durch die Ursprungskräfte des Narren, vollständig verbraucht ist. Akron verweist in seinem Crowley-Führer in diesem Zusammenhang auf den mit den Zehn der Scheiben in Verbindung stehenden Geldsack, der auf Trumpf O abgebildet ist. Und auch Crowley betont, »dass der erworbene Reichtum, der träger Natur ist, gänzlich verschwinden wird, wenn er nicht einer weiteren Verwendung zugeführt wird, in dem seine Kraft anderen Zielen als dem der Anhäufung gewidmet wird«.

Wie bei Waite hilft auch hier nur ein magischer Einfluss, der allerdings genau wie der alte Sänger bereits vor der Tür steht. Schließlich ist die Zehn der Scheiben astrologisch Merkur in der Jungfrau zugeordnet und mit den Symbolen des Halbgottes übersäht. Merkur-Thoth-Hermes, der Botschafter zwischen den Welten, der Patron der Händler und auch der persönliche innere Magier, kann uns dabei helfen, die Materie in ihrer tiefsten Verfestigung wieder mit Sehnsucht nach höheren Werten und somit zum Streben nach oben, nach Wandlung, zu bewegen. Seine nutzbaren Mittel dafür heißen: offene Kommunikation, Intelligenz und Freude am lebendigen Umgang mit der Materie und mit Geld. Der Kreis schließt sich also. Nur im Umlauf befindliche Münzen sind eine wertvolle Währung. Und auch wenn wir nicht gleich alle zu Stiftern werden müssen – die Zehn der Münzen kann uns durchaus dazu auffordern, Geld oder Sachwerte zu spenden, um den Wohlstand aller Menschen ordentlich zu düngen.

In diesem Sinne: Frohe Weihnachtszeit!

Autor: Tarotwissen

I have been working with Tarot and Astrology for many years full-time and self-employed, teaching and counceling. I am also publishing books and articles about spiritual subjects. My main focus is: How to use ancient disciplines in our modern times. Since 2013 I have been president of the German Tarot Association: Tarot e.V. (www.tarotverband.de)

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