Tarotwissen

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Der Weg der Tugend im Tarot – Drei der Stäbe

1818 schuf der deutsche Maler Casper David Friedrich – ein Vorreiter der romantischen Bewegung – sein großartiges Gemälde Wanderer über dem Nebelmeer.

Die 3 Stäbe im Waite-Smith Deck. © www.koenigsfurt-urania.com

Knapp 100 Jahre später nutzte Pamela Coleman-Smith ein sehr ähnliches Motiv, um Arthur E. Waites Gedanken zur Tarotkarte Drei der Stäbe bildlich umzusetzen. Die Übereinstimmungen sind frappierend: Auf beiden Bildern sehen wir eine Gestalt, die einsam auf einer Anhöhe stehend über ein Meer blickt – eines aus Luft, das andere aus Wasser. Auf beiden nimmt sie eine zentrale, den Fluchtpunkt verdeckende Position ein und wendet uns dabei den Rücken zu. Dies ist keineswegs Zufall: In seinem Bilderschlüssel des Tarot vermerkt Waite, dass der Mann auf der Karte von hinten zu sehen sein soll.

Seit der Antike ist diese Darstellung von Rückenfiguren in der Bildenden Kunst ein beliebtes Stilmittel, um die Betrachter in das Motiv hineinzuziehen, sie mit der dargestellten Person verschmelzen zu lassen. Dabei dient die Natur oftmals als Projektionsfläche für ihre Empfindungen und Sehnsüchte. Probiere es doch einmal aus und geselle dich zu den Herren auf den Bildern: Was geht in dir vor, wenn du in das dramatisch zerrissene Nebelmeer blickst? Was, wenn du das spektakuläre Zwielicht über dem ruhigen Wasser auf der Drei der Stäbe aus erster Hand miterlebst?

Wie Casper David Friedrich in seinem Gemälde inszenierten sich die Künstler in der Rückenansicht oft selbst, um mit ihren Betrachtern bestimmte Gefühle teilen zu können – so will Friedrichs Werk uns u.a. auf die Entfremdung von Natur und Mensch hinweisen. Pamela Coleman Smith, eine in der Kunstgeschichte versierte und durch ihre Arbeit in der Theaterwelt dramaturgisch geschulte Malerin, hat sich zwar nicht selbst auf der Drei der Stäbe verewigt, dort aber eine Gestalt abgebildet, die für sie selbst, für Waite, für eine/n jede/n Suchende/n – sprich für den Adepten – steht.

Diese Karte kann denn auch als verklausulierte Umsetzung des symbolschwangeren Namens jener spirituellen Institution, der sowohl Waite als auch Smith lange Zeit angehörten, betrachtet werden: Golden Dawn, zu deutsch „Goldene Morgenröte“. Schließlich sind wir hier Zeugen eines prachtvollen Sonnenaufgangs, der selbst das Meer zu Füßen des Wanderers in goldenes Licht taucht – so golden, dass es viele Betrachter oft für eine Wüste halten. Als sich die Gründer des Golden Dawn 1888 für diesen Namen entschieden, wollten sie damit das aufkeimende spirituelle Bewusstsein und die Erweckung der Seele versinnbildlichen, die sie durch die Arbeit in ihrer Vereinigung anstrebten.

Seelenerweckung und spirituelle Bewusstwerdung – Schlagworte, die sich hervorragend auf die Drei der Stäbe in einer Legung übertragen lassen. Schließlich verkörpert der hier dargestellte Mann laut astrologischer Korrespondenz des Golden Dawn eine tatenfrohe, jugendliche Widdersonnen-Energie, die es drängt, lang gehegte Ziele und Visionen – nach dem Innehalten der Zwei der Stäbe – in die Tat umzusetzen. Auch für Waite bedeutet die Karte „festgegründete Stärke, Unternehmergeist und erfolgreiche Anstrengung“. Und selbst umgedreht sieht er in ihr das „Ende von Schwierigkeiten“. Offensichtlich kann er ihr nicht viel Negatives abringen.

Auch ich finde dies schwer. Meiner Erfahrung nach ist die Karte mit dem wunderschönen Untertitel Tugend ein echter Glücksbringer, wenn wir Mut zur Eigeninitiative zeigen. Waite betont in seinem Bilderschlüssel noch eine weitere Bedeutung für die Karte. Er sieht im Wanderer auch einen Geschäftsmann mit Überblick, der sein Handelsgut in den über das Meer segelnden Schiffen in die Welt hinaus sendet. Und fügt geheimnisvoller fügt hinzu: „so als ob der erfolgreiche Handelsprinz dir mit einem Blick, der Unterstützung und Hilfe anbietet, ins Auge schauen würde.“

Erfolgreicher Handelsprinz? Für mich ein Hinweis darauf, dass die Drei der Stäbe bei Waite die Energien der Trümpfe Magier und Herrscher miteinander verbindet. Mit letzterem teilt die Karte die Dämmerstimmung des Hintergrunds, die wir auf keinem anderen der restlichen 76 Motive finden. Auch schimmert eine Rüstung unter den prunkwollen Gewändern des Herrschers wie auch unter dem Wams des Wanderers durch. Somit sind beide Gestalten stets bereit zum Kampf, verteidigen ihren Besitz und wirken auf mich wie natürliche Eroberer. Der rote Mantel und das Stirnband des Mannes auf der Anhöhe hingegen rufen den Magier wach – mit ihm teilt sich der Wanderer der Drei der Stäbe Erfindungsreichtum, Intelligenz und kaufmännisches Geschick, wenn es um die Umsetzung kurz- und langfristiger Projekte geht. Sind es diese beiden archetypischen Energien, die uns „ins Auge schauen“, wenn wir die Karte ziehen?

Auch Aleister Crowley verbindet die Drei der Stäbe mit einer Trumpfkarte. Er sieht in ihr den Anfang des Frühlings symbolisiert, in der die Kraft der Sonne, „die Große Mutter entflammt, die nun empfängt, vorbereitet und manifestiert“. Eine klare Anspielung auf seine durch Frieda Harris umgesetzte Vision der Kaiserin, die durch ihren Kaiser (vergleiche auch hier die Hintergrundfarben der beiden Karten) ordentlich erhitzt wird. Auf einer abstrakteren Ebene ist die edle Dame numerologisch über die Zahl 3 mit der feurigen Stäbe-Karte verbunden – und symbolisch durch das Lotuszepter, der wie der Sonnenaufgang auf der Waitschen Version spirituelles Erwachen bezeichnet.

Als Bedetungen für die Karte nennt Crowley in seinem Buch Thoth „Wille und Herrschaft auf der Ebene des Charakters“ und drückt damit ähnliches wie Waite mit seinem selbstbewussten Wanderer aus.

In einer Legung weist die Karte darauf hin, dass wir das Thema betreffend nicht mehr aufzuhalten sind, wenn wir einmal den ersten Schritt zur Erfüllung unserer Ziele gewagt haben. Denn in diesem Falle sind wir entschlossen, unserer ganz persönlichen Vision und Tugend zu folgen – und bereit einen Preis für die Umsetzung zu zahlen: Wir werden es mit unseren Ansichten und Plänen nicht allen Recht machen können. Auch wenn unser Weg geradewegs zu einem persönlichen Traum führt – vielleicht begleitet uns streckenweise niemand. Gerade in einer Zeit, in der es nur noch wenige Menschen zu geben scheint, die Tugend für erstrebenswert halten, ist Haltung gefragt: Also schlüpfe in den Mann auf der Karte hinein und engagiere dich – für deine Träume und eine bessere Welt.