Tarotwissen

Tarot, Astrologie, Stadterspürung

Sechs der Schwerter – Gefühl und Verstand

Die »Sechs der Schwerter« im Tarot von Carl W. Röhrig. Rechte beim Aquamarin-Verlag

Wir leben schon in spannenden Zeiten. Da fordern rationale Skeptiker immer stärker die wissenschaftliche Belegbarkeit des „Funktionierens“ spiritueller Disziplinen als ultimativen Beweis ihrer Seriosität und Sinnhaftigkeit.
Gleichzeitig muss die verstandesgelenkte Wissenschaft zunehmend eingestehen, dass Empirie und wertneutrale Sachbezogenheit uns bei der Suche nach objektiver Wahrheit und nach Erklärungen für die Wunder des Lebens letztendlich auch nicht weiter bringen. Nicht nur in diesem hoch aktuellen Zusammenhang ist es lohnend, die philosophische Sechs der Schwerter eingehender zu betrachten. Denn diese Tarotkarte hat uns viel über die fruchtbare Verbindung von Wissenschaftlichkeit und Spiritualität zu erzählen. Das liegt sicher nicht nur daran, dass sie wie alle Sechser der Kleinen Arkana von Trumpf VI, Die Liebenden, beeinflusst wird, der die Themen Harmonie durch Herzensentscheidung, Verbindlichkeit und Aufbruch ins Spiel bringt. Sämtliches Schlagworte, die das Waite-Smith Deck visuell verarbeitet.

Das Thema des Aufbruchs fällt hier besonders ins Auge. Kein siegesgewisser allerdings, wie auf der Sechs der Stäbe dargestellt, sondern meditativ, ruhig, melancholisch. Zwei verhüllte Gestalten – eine kindlich, eine erwachsen – sitzen in einem von 6 Schwertern durchbohrten und beschwerten Boot und werden durch eine weitere Person durch ein eigentlich ruhiges, doch vom tief stechenden Staken gewelltes, Wasser gelenkt. Woher die drei kommen ist nicht ersichtlich und auch die Anlegestelle ist noch unsichtbar. Irgendwie schifft dieses Boot durch Niemandsland und gibt den Insassen reichlich Zeit zum Reflektieren über (vielleicht schmerzhaft) Vergangenes und Planen von Zukünftigem. Aber auch zur Kontaktaufnahme mit den eigenen Emotionen. Denn obwohl wir uns auf einer Reise innerhalb der Logik betonten Schwerterwelt befinden, bahnt sich das Boot seinen Weg durch einen Fluss – Symbol des Unbewussten und der Gefühle. Ein Motiv, das gern in Zusammenhang mit Sterben und Abschiednehmen in Verbindung gebracht wird, und eine gute Entsprechung in der Fahrt über den mythologischen Fluss Styx findet, der laut griechischer Tradition das Reich der Lebenden mit dem Totenreich Hades verbindet. Über den Styx kann nur Fährmann Charon setzen, um die Seelen der Toten in ihre neue Heimat zu verbringen. Die stille Überfahrt dient der Reinigung und Heilung. Ein notwendiger Prozess um einen Neuanfang herbei zu führen und der übertragen auf die Verarbeitung von oft schmerzhaften (siehe Fünf der Schwerter) Gefühlen sehr passend von Johannes Fiebig und Evelin Bürger in „Sternstunden mit dem Waite-Tarot“ als „Über-Setzen und Er-Gründen“ beschrieben wird. Egal mit welchem Thema wir uns gerade auseinandersetzen: Gedanken und Sprache dienen uns nun, Unbewusstem oder Verdrängtem Ausdruck zu verleihen, Totgeglaubtes aus der Tiefe an die Oberfläche zu heben, um es abschließend und genesend befreien zu können. Dies macht die Sechs der Schwerter zu einer Karte der therapeutischen (Selbst)analyse. Ein Aspekt, der auch im Crowley-Harris-Deck besonders deutlich heraus gearbeitet ist.

Dabei fällt hier die Betonung auf den bereits Eingangs erwähnten Begriff der „Wissenschaft“. Ein Wort, dass das Herz eines Merkurs im Wassermann sicher höher schlagen lässt. Denn diesem hatte der englische Geheimorden Golden Dawn um die 19. Jahrhundertwende dieses Kleine Arkanum zugeordnet. Die nüchtern-abstrakte und sehr kommunikative Energie eines solchen Merkurs wird hervorragend durch den neutralen und durch viele vernetzende Striche bewegten Kartenhintergrund umgesetzt, aus dessen Zentrum sich ein schlichtes und doch hoch komplexes Symbolgebilde erhebt:

Sechs Schwerter – Symbol verschiedener Gedanken – haben sich in einem Hexagramm ausgewogen arrangiert und halten nun gemeinsam eine gekreuzigte Rose im Schach. Diese scheint von einem hellen (Schutz?)Kreis umgeben, der wiederum von einem Viereck eingegrenzt ist.
Wir haben es hier also mit der berühmten Quadratur des Kreises zu tun, die dafür steht, das Unmögliche zu wagen. Dies bedeutet im vorliegenden Falle laut Crowleys „Das Buch Thoth“: „Das vollkommene Gleichgewicht aller mentalen und moralischen Fähigkeiten, unter Mühen errungen und nahezu unmöglich, es in einer sich ständig verändernden Welt aufrecht zu erhalten.“ Die Sechs der Schwerter repräsentieren also für ihn den recht herausfordernden Kampf um geistige und ethische Ausgeglichenheit. Die Gefahr, dass dabei die zarte Rose der Spiritualität zerstört wird, ist beständig gegeben. Es verwundert daher wenig, dass der Golden Dawn diese Karte auch „Herr des verdienten Erfolgs“ titulierte. Wissenschaft also kein trockenes Faktensammeln, sondern eher eine geistige und spirituelle Disziplinierung zur Erlangung inneren Frieden?

Eine solche Auslegung entspricht sicherlich der Sephiroth Tipheret, alles verbindendes Herzstück des kabbalistischen Lebensbaums und eine weitere Golden Dawn Korrespondenz dieser Karte – mit klarem Bezug zur bereits erwähnten harmonisierenden Kraft des Trumpfes Die Liebenden. Für Crowley jedenfalls scheint die Sechs der Schwerter von besonderer Bedeutung gewesen zu sein. Denn nur auf ihr lässt er Frieda Harris das ausgefeilte Rosenkreuz nachempfinden, das wir auf sämtlichen 78 Rückseiten des Decks finden.  Wer tiefer in die Geheimnisse dieses tiefgründigen Symbols einsteigen möchte, sei zum Einstieg auf Lon Millo DuQuettes „Aleister Crowleys Thoth Tarot“ verwiesen. Hier soll nur erwähnt werden, dass dieses Kalvarienkreuz für den ewigen Geist steht, der sich am Kreuze der sterblichen Materie opfern muss, um Erkenntnis und Erleuchtung zu erlangen. Ein guter Grund, um sich mit sämtlichen Tarotkarten eingehend zu beschäftigen und im Falle der vorliegenden Karte dafür die anstrengende Fahrt durch die tiefen Waitschen Seelengewässer auf sich zu nehmen.

Aber was ist mit unserem Reiseziel? Diese Frage stellt sich auch Lilo Schwarz in „Dialoge mit den Bildern des Tarot“ mit „Wohin führt dich deine Sehnsucht?“ und bringt damit einen weiteren wichtigen Gedanken zu diesem Arkanum ins Spiel, den Carl-W. Röhrig besonders gelungen umgesetzt hat: Ein kreisrundes Gedanken-Labyrinth, durch das sich die zwei farbigen Wurzelstränge einer bunten Blume schlängeln. Dies will sagen, dass unsere Visionen eine solide gedankliche Basis brauchen, bevor sie in die Realität geträumt werden können. Erneut finden wir hier also die Aufforderung zu klarer Analyse einer oft verwirrenden Gegenwart, damit der entscheidende Schritt in Richtung erfüllende Zukunft getan werden kann. Solange dies nicht getan ist, bleibt unser Ziel also im Dunkeln.

Bodenständige Wissenschaft und beflügelnde Fantasie: Meditation über die Sechs der Schwerter lehrt uns also, dass die beiden Disziplinen einander bedürfen, um die Suche nach den Geheimnissen und dem Sinn des Lebens zu erleichtern. Für alle, die Antworten auf konkrete Fragen in einer Legung erhoffen, heißt das: Lasse deine Seele und deinen Geist zusammen arbeiten, übe dich in all deinen Taten und im menschlichen Miteinander in einer ganzheitlicher Sichtweise und die Lösung deines Problems wird sich dir wie von allein offenbaren.