Tarotwissen

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Der Hierophant – Presseorgan der Inneren Stimme

Heute haben wie mal wieder ein Tarot-Wochenende abgehalten. Dabei ging es besonders um die 5er der Kleinen Arkana. Wie üblich empfanden die Lernenden diese Reihe schwer verdaulich. Dabei ist mir eingefallen, dass ich mal einen Artikel zu diesem Thema geschrieben habe, den ich hier veröffentliche. Für die Bilder zu den einzelnen Karten verlinke ich auf die großartige Seite von Albi-Deuter.

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Nicht nur für Tarot-Einsteiger, auch für erfahrene Deuter nimmt sich die konkrete Aussage von Trumpf V in Legungen häufig wie ein Buch mit sieben Siegeln aus, ebenso schwer entschlüsselbar wie sein rätselhafter Titel „Der Hierophant“. Eigentlich nicht wirklich verwunderlich, denn dieses Große Arkanum (lat. Geheimnis) droht damit, uns aus unserer materiellen Sicherheit, aus dem ruhigen, wohl geordneten Reich des Herrschers zu zerren, hinein in einen vibrierenden Kosmos, in dem wir Eigenverantwortung übernehmen und uns von eingetrichterten Weisheiten, die nicht unsere eigenen sind, verabschieden müssen. In eine Lebensphase, in der wir gezwungen werden, einen Schritt Richtung „Erwachsen sein“ zu machen. Das kann uns bequeme Wiederkäuer schon mal ordentlich aus dem Gleichgewicht bringen und uns auf Nicht-Verstehen einer Kartenbedeutung schalten lassen.

Wer begibt sich auch gern freiwillig aus gewohnten Gegebenheiten, selbst wenn diese irgendwie unbefriedigend sind? Wer lässt ohne Wehmut Altes und Wohlbekanntes hinter sich, um es gegen Neues und Fremdes einzutauschen und sei das auch noch so viel versprechen? Doch genau dazu drängt der Hierophant. Er fordert uns auf, zu unserer ganz persönlichen Gralssuche aufzubrechen. Und das ohne jede Garantie, jemals das zu finden, was wir uns als Ziel unserer Reise ersehnen: Die Integration des Göttlichen Prinzips in uns und in die Welt.

Die aus dieser eigentlich doch so positiven Aufbruchsstimmung resultierende innere Unruhe, die Konfusion, die Verlustangst, die Trauer und das Chaos, mit denen sich Fragende auseinander setzen müssen, wenn sie vom Hierophanten meist unsanft wach geschupst werden (und er kann sich mit seinem Weckruf meiner Erfahrung nach phasenweise als äußerst penetrant erweisen – so zog ich zu Beginn meiner Kartenlaufbahn fast täglich diesen sich mir einfach nicht erschließenden Trumpf, bis ich kurz davor war, mein Deck aus dem Fenster zu werfen.),  spiegelt sich hervorragend in den Kleinen Arkana wieder. Zwar wird der Trumpf selbst in der Literatur immer wieder und sicherlich auch völlig richtig mit hoffnungsfrohen Schlagworten wie „Vertrauen“, „Inspiration“, „Segnung“, „Einweihung“ und „Glauben“ in Verbindung gebracht, doch wirkt sich die Fünfer-Energie in den Zahlenkarten – die ja eher für alltägliche Ereignisse und die Auslebung der kollektiven Trumpf-Archetypen in unserem individuellen Leben stehen – durchweg düster aus. Dies zeigt bereits ein Blick auf die Untertitel (nach Golden Dawn) der Fünfer: „Enttäuschung“ (5 Kelche), „Mangel“, (5 Münzen), „Niederlage“ (5 Schwerter) sprechen wohl eine eindeutige Sprache und selbst „Streben“ (5 Stäbe) weist auf eine ziemliche Verunsicherung des sonst so Instinkt sicheren Feuerelementes hin. Vertrauen und Glauben – gut und schön, doch die tägliche Umsetzung will eben gelernt sein.

Ein „Hierophant“ ist wörtlich übersetzt jemand, „der Heiliges lehrt“. Als solches wurden im antiken Griechenland die Hohepriester (ein weiterer Titel dieser Karte – z.B. bei der deutschen Version des Crowley-Decks) bezeichnet, die den Eleusinischen Mysterien, der Fruchtbarkeits-Göttin Demeter geweiht, vorstanden. Ihre Aufgabe war es, nach Erkenntnis strebende Schüler durch die verschiedenen Stufen einer anspruchsvollen Einweihung hin zur Initiation zu geleiten, ihre Seelen individuell zu schulen und zu vervollkommnen. „Erziehung“ und „Disziplin“ sind denn auch weitere Stichwörter für diesen Trumpf. Er dient uns Menschen als spiritueller Tutor, als Guru, der es versteht, im geheimnisvollen Buch seines weiblichen Gegenstücks, der Hohepriesterin, zu lesen und ihre immer währenden Wahrheiten mit männlichem Logos seinen Anhängern mundgerecht für die jeweilige Zeit zu vermitteln. Diese wichtige Funktion finden wir in zwei der so genannten klassischen Decks, dem Marseiller Tarot und dem Waite-Smith, versinnbildlicht.

Hier sind zum ersten Mal (nach den Trümpfen Magier, Hohepriesterin, Herrscherin, Herrscher) mehr als eine Person auf der Karte zu erkennen: Dem Papst (Marseille), respektive dem Hierophanten (Waite-Smith) sind zwei Schüler unterstellt, denen er Trost spendet und mysteriöse Nachrichten aus höheren Sphären (bei Waite, der in seinem Deck ein äußerst positives Bild dieses religiösen Oberhauptes entwirft, sehr schön dargestellt durch die gen Himmel gerichteten Arme, die segnende Geste wie auch die zwei geheimnisvollen Schlüssel zu seinen Füßen) übermittelt und übersetzt. Für diese Fähigkeit und ihre ethisch korrekte Anwendung verdient der Pontifex (lat. Brückenbauer) unsere hohe Anerkennung. So sind denn auch seine Schüler als ihm hierarchisch untergeordnet, in anbetender Haltung dargestellt. Doch muss der Hierophant uns immer im Außen begegnen? Kann er nicht vielmehr auch eine innerer geheime Stimme sein, die uns unsere ganz persönlichen Wahrheiten, die mit dem Kollektiv nicht immer konform gehen müssen, erkennen lässt?

Vielleicht verleitete eben diese Tatsache, dass eine geführte Sinnsuche damals wie heute einfach Raum für die völlig unterschiedlichen Entwicklungswege eines jeden Menschen lassen sollte, den französischen Okkultisten Court de Gébelin im vorrevolutionären Paris dazu, Trumpf V diesen eher unbekannten und daher unbelasteten Titel zuzuordnen. Denn vorher war die Karte zumeist unter dem für unsere Breitengrade doch reichlich stigmatisierten Begriff „Papst“ bekannt gewesen –  jene überdimensionale Vaterfiguren (Papst von Pater = Vater), dessen unabänderlichen Lehren und Gesetzen sich das Individuum zum Wohle des Kollektives spirituell unterzuordnen hat. Hier genau erkennen wir die Schattenseite und den Fallstrick des spirituellen Lehrmeisters: Dogma gepaart mit Hochmut – eine Kombination, die jede auch noch so viel versprechende religiöse Organisation (ob die Kirche des Ancienne Regime, heutige Sekten oder sicher auch die Eleusinischen Mysterien) im Laufe der Zeit versteinert, aushöhlt und korrumpiert. Wie so ein spiritueller Verfall aussehen kann, erahnen wir, wenn wir Crowleys Hohepriester eingehend betrachten. Dieser präsentiert sich uns maskenhaft und leicht diabolisch grinsend zwischen den wie eingefroren wirkenden Elementen. Doch wächst in seiner Brust bereits der Führer in ein neues Zeitalter heran.

Eine ebensolche Erstarrung bahnte sich in der Renaissance, die Zeit in der der Tarot wahrscheinlich entstand und die Nummerierung der 22 Großen Arkana sich allmählich festigte, immer stärker an. Damals kniete im christlichen Europa sogar der allmächtige Kaiser vor dem durchaus weltlich ambitionierten und militärisch streitlustigen Papst. Die Zeiten haben sich geändert. Doch selbst wenn wir heute – jedenfalls in Europa – zumeist nicht mehr gezwungen werden, uns einem religiösen Dogma zu unterwerfen, heißt das nicht, dass wir nicht weiterhin ähnlichem Druck ausgesetzt sind. Folgen wir nämlich unserer inneren Stimme und beschließen, uns einer Sinnsuche zu verschreiben, ist dies für unser Umfeld – seien es die Kollegen auf der Arbeit, die Familie oder der Freundeskreis – oft weder moralisch noch konventionell nachvollziehbar. Und so kann der steinige Weg zu individueller Erkenntnis neben den persönlichen Zweifeln weiterhin mit Verlust wichtiger Kontakte und Auseinandersetzung mit Vorurteilen verbunden sein.

Dennoch – damals wie heute gilt: Trumpf IV muss sich Trumpf V beugen. Keine materielle Macht steht über Gottes Stellvertreter auf Erden, wenn er uns ruft. Nur die alles vereinigende Liebe, Arkanum VI, kann ihn übertrumpfen, denn in ihr spüren wir endlich die Antworten auf die durch den Hohepriester aufgeworfenen Themen: Was verbindet uns Menschen miteinander? Was macht einen jeden und eine jede von uns einzigartig? Und warum sind wir hier?

Doch noch einmal zurück zur Fünf, der Zahl des Hierophanten, bezeichnender Weise zumeist dargestellt durch ein Energie geladenes Pentagramm. Numerologisch gesehen sprengt die Fünf das starre Quadrat der Vier. Die  materiellen Elemente (Erde, Feuer, Luft, Wasser) werden durch das Göttliche, durch Spiritualität belebt. Somit repräsentiert die Fünf die Essenz allen Lebens – eben jene Quintessenz, die den Tarotkundigen unter uns bestens bekannt ist als die Quersumme (Addierung aller Zahlen einer Auslage und erneutes Herunterrechnen der sich ergebenden Summe bis eine Zahl von 1-22 entstanden ist) einer Legung. Wird diese richtig gedeutet, fasst sie die Antwort des Tarot auf unsere jeweilige Frage in einer einzigen Karte präzise zusammen und vertieft die Aussage um einen wesentlichen Aspekt.

Übertragen wir diese Symbolik und numerologische Energie des Hierophanten auf das alttägliche Leben, so können wir sagen: Wir begegnen ihm immer dann, wenn wir unsere weltlichen Dinge geordnet haben und uns in Sicherheit wiegen, endlich angekommen zu sein. In diesen Momenten haben wir Zeit und Ruhe, unserer inneren, nie schweigenden Stimme nach Weiterentwicklung und Sinnfindung nachzulauschen. Uns vom oberflächlichen Alltag in die Tiefen der Seele zu bewegen. Ob uns das, was wir bei dem Abstieg in uns selbst finden, dann dazu inspiriert, mit waagemutiger Abenteuerlust ins Unbekannte aufzubrechen oder wir lieber wieder ängstlich in unsere schützende Vierer-Struktur zurück schlüpfen, das bleibt uns erst Mal selbst überlassen. Wer jedoch den Ruf des Hierophanten einmal wirklich vernommen hat, wird sich schwer von ihm wieder frei machen können. Früher oder später werden wir wohl lernen müssen, auf ihn zu vertrauen.

© Kirsten Buchholzer, 2006